Wenn sein Körper mitspielt, wird ein professioneller MMA („Mixed Martial Arts“) Kämpfer im Laufe seines Lebens durchschnittlich ungefähr 30 Profikämpfe bestreiten können. Ein MMA-Kampf ist natürlich nicht jedermanns Sache und so wird sich nur eine „bestimmte Art Mensch“ diesem Wettkampf widmen.

Der Wettkampf ist allerdings nur die „Spitze des Eisberges“ – den größten Teil machen das Training und die mentale Vorbereitung aus. Das MMA Training ist eine hervorragende Möglichkeit, um sich fit zu halten. Doch welchen Nutzen kann man persönlich ziehen, wenn man sich mit dem Thema MMA beschäftigt?

Von Franco de Leonardis

Zunächst sollte man sich darüber im Klaren sein, dass die körperliche Auseinandersetzung – also der Kampf – insgesamt einen ziemlich kleinen Anteil hat. Nicht selten behaupten Kämpfer, dass die Vorbereitung auf den Kampf und der Weg zum Käfig oder Ring die anstrengendste Phase darstellt. Letztendlich sind sie froh, wenn die Ringglocke erklingt und der Kampf endlich beginnt. Ich teile diese Meinung, denn das bestätigt immer wieder meine Philosophie, welche sich wie ein roter Faden durch mein komplettes Training zieht. Der eigentliche Kampf findet im Kopf statt und der gefährlichste Gegner ist nicht etwa mein Kontrahent im Ring, sondern ich selbst. Ob man sich auf einen Kampf vorbereitet, einen Triathlon im Auge hat oder an einem Golfturnier teilnehme möchte – alles läuft zunächst nach einem ähnlichen Schema ab. „Tag X“ rückt unweigerlich näher. An diesem Tag muss man seine Höchstleistung auf Kommando abrufen. Die Zeit, die einem bis zu diesem Tag bleibt, sollte man effizient nutzen, um sich so gut wie möglich auf das bevorstehende Ereignis vorzubereiten. Ich möchte an dieser Stelle nochmals erwähnen, dass auch Sportler, welche nur ins Fitnessstudio gehen und an keinem Wettkampf teilnehmen, sich unbedingt Ziele setzen sollten. „Sich seinen eigenen Tag X machen“ heißt die Devise, sonst weiß man irgendwann selbst nicht mehr, für was man sich die ganze Mühe eigentlich macht.

Zurück zum Thema:
Unser größter Gegner lebt in unserem Kopf und ist immer allgegenwärtig. Zudem hat dieser den Vorteil, dich und deine Gewohnheiten besser zu kennen als du es dir bewusst bist. In den wichtigen Fragen – beispielsweise „Was werde ich heute essen?“, „Soll ich heute überhaupt ins Training?“ oder „Soll ich nicht besser gleich aufgeben?“, wird dieser Teil in uns immer ein Wörtchen mitreden wollen. Dieser Geist, der in jedem von uns lebt, ist schon seit Jahrtausenden in asiatischen Kampfkünsten bekannt – man schätzt und fürchtet sogleich seine Kraft. Erst, wenn man seine komplette Aufmerksamkeit auf sich selbst lenkt und anfängt, sich zu beobachten, wird man diesen Teil in sich bemerken und entsprechend erziehen können. Es wird allerdings nie möglich sein, ihn komplett auszulöschen. Stattdessen sollte man versuchen, ihn zu bändigen und sich ihn als Freund zu machen. Es ist ein langer Kampf, der damit beginnt, seine persönlichen, positiven Attribute zu stärken. Jeder wird sich bei diesem Kampf sich selbst stellen müssen und zum Schluss wird die Frage aufkommen, wer man eigentlich ist und was man darstellt. Es hat schon seinen berechtigten Grund, warum die Mehrheit aller Profisportler einen mentalen Trainer zu Rate zieht.

Hier die wichtigsten Aspekte im Leben, um gefestigt jedem Kampf gegenüberstehen zu können:

Disziplin
Disziplin ist notwendig, um seine zuvor selbst gestrickten Regeln einzuhalten. Oftmals steht man in seinem Leben vor der Wahl zwischen „Gut“ und „Böse“. Natürlich fällt es einem schwerer – anstatt abends mit Freunden wegzugehen – früher ins Bett zu steigen, damit man am nächsten Tag fitter für das Training ist. Auch kann es anstrengend sein, selbst zu kochen, anstatt unkompliziert und schnell essen zu gehen. Überall, wo die Willenskraft getestet wird, kommt auch die Disziplin mit ins Spiel. Sie sollte nicht als Zwang gesehen werden, sondern als eigene, feste Überzeugung. Sie schaltet sich bei tückischen Entscheidungen automatisch ein. Natürlich ist es auch grundlegend besser, früher schlafen zu gehen und selbst gekochtes Essen zu sich zu nehmen. Die eigene Logik steht der Disziplin stets zur Seite.

Konzentration
Ob man vor dem besagten „Tag X“ alle möglichen Gefühlsschwankungen durchlebt oder im Kampf einen harten Treffer kassiert – durch geübte Konzentration auf das Wesentliche wird man immer wieder auf eine gefestigte Ebene zurückgeholt. Keine äußeren oder inneren Einflüsse sollten einen von seinem Ziel abbringen. Stattdessen ist es wichtig, das fokussierte Ziel bis zum Ende zu verfolgen. Im Klartext: kein Gefühl, Stress, Lärm oder Schmerz dieser Welt sollte einen von dem ablenken, was man erreichen möchte.

Motivation
Eine gute Motivation ist ein sehr guter Antrieb für das Training. Ob Wettkampf oder Training in Eigenregie – es kann durchaus auch sein, dass sich neue Trainingsklamotten oder ein Pulsmesser motivierend auf das Training auswirken können. Die beste Motivation bleibt aber ein gutes
Trainingsumfeld, welches man sehnsüchtig vermisst, wenn man mal nicht dort sein kann. Jede materielle Form der Motivation kostet erstens Geld, wird zweitens bald verblassen und außerdem nach einer gewissen Zeit seinen Reiz verlieren. Danach muss wieder ein neuer Motivator her. Ein angepasstes, mitwachsendes und ständig erweiterndes Trainingssystem ist das, was einen motivieren sollte.

Aufmerksamkeit und Achtsamkeit
Die Aufmerksamkeit ist eines der wichtigsten Attribute, die man zur Verfügung hat. Wurde sie erst einmal gezielt auf etwas gelenkt, wird sie sich nicht mehr so schnell von dieser Sache abbringen lassen. Hat man sich beispielsweise ein neues Auto gekauft, fängt man plötzlich an zu bemerken, wie viele Autos des gleichen Typs „auf einmal“ durch die Gegend fahren. Beim Einkaufen wird die Aufmerksamkeit einen warnen, falls es unbewusst mal wieder ein ungesundes Nahrungsmittel in den Einkaufswagen geschafft hat. Nicht umsonst wird die Aufmerksamkeit oft auch das sogenannte „dritte Auge“ genannt, welches einem immer unterstützend zur Seite steht.

Kondition
Die Kondition ist ein „Transporter“. Mithilfe von ausreichender Kondition werden im Wettkampf Technik, Schnelligkeit und Konzentration über die volle Rundenzeit transportiert. Fehlende Kondition sollte nie der Faktor sein, welcher darüber entscheidet, ob man ein Spiel, bzw. einen Kampf gewinnt oder verliert. Aus diesem Grund gibt es vor Wettkämpfen ein spezielles Konditionstraining, welches die Athleten mit der notwendigen Kondition ausstatten soll. Man sollte allerdings nie aus den Augen verlieren, dass Kondition sich nicht nur auf körperlicher Ebene abspielt. Nicht selten haben durchtrainierte Athleten, welche eine gute körperliche Kondition hatten, am Wettkampftag so ausgesehen, als hätten sie kaum trainiert. Ohne die zusätzlich ausgeprägte Ausdauer der Konzentration, die sich ausschließlich auf geistiger Ebene abspielt, wird man es im Kampf viel schwerer haben. Körper und Geist sollten stets eine Einheit sein – eine Weisheit, welche auch noch 2012 aktuell ist.

Respekt
Im Training sind alle gleich. Ob jung oder alt, Wettkämpfer oder Hobbysportler – niemand sollte sein eigenes Ich über ein anderes stellen. Die
Fähigkeit, von einem Kind noch etwas zu lernen geht verloren, wenn man die Ansichten und die Person eines Kindes nicht respektiert. Auch die fehlende Bereitschaft Anfängern zu helfen, ist respektlos. Wo wärst du heute, wenn sich in deinen Anfangszeiten die Fortgeschrittenen zu gut gewesen wären, dir etwas zu erklären? Schenke deinem Trainingsumfeld Respekt und du wirst Respekt zurück bekommen.

Ehrenwertes Leben
„Ehrenwertes Leben“ bedeutet, sich nach den ethischen und moralischen Werten unserer Gesellschaft zu richten. Das heißt auch, sich von negativen Menschen und Orten fern zu halten. Dies lässt niemanden automatisch zu einem besseren Sportler werden – ohne Zweifel aber, wird derjenige, der ein ehrenwertes Leben führt und z.B. keine Konfrontationen mit dem Gesetz hat, einen viel klareren Kopf für das Wesentliche haben. Das erlaubt ihm, viel mehr Aufmerksamkeit und Energie in das Training zu stecken und seine Fortschritte zu beschleunigen.

Ich hoffe, diese sieben „Säulen“ werden dazu beitragen, dass sich das Training positiv entwickelt und einen etwas anderen Blickwinkel auf das komplette Training wirft. „It`s all about the spirit“