Downhill-1

Das “29er” im Gelände


Mit ihren größeren Laufrädern haben sich die 29-Zoll-Bikes ihre eigene Nische im Mountainbikewald ergattert. Offensichtlichere Vorzüge wie Laufruhe und technische Vorteile im Bergabfahren sind definitiv gegeben. Aber was haben die großspurigen  Zweiräder noch auf Lager? Wir haben uns mit zwei MTB-Profis ins redaktionsheimische Gelände an der spanischen Costa Blanca begeben und  den Feldtest gemacht…

von Oliver Bloss
Alex und Martin kennen Ihre Pappenheimer. Die an der spanischen Costa Blanca beheimateten Mountainbike-Cracks wissen die Vorzüge eines 29er-Bikes zu schätzen, aber vor allem auch umzusetzen. Diese haben in erster Linie mit den Nachteilen des größeren Gewichts und etwas mehr Trägheit als Ihre 26er-Kollegen zu kämpfen. Letztendlich zählt jedoch die Kompensierung dieser Punkte durch Performance, Effizienz und dem Spaß am Fahren. Und der ist in jedem Fall gegeben.
Dafür spricht auch, dass die Beiden nur noch auf Ihren 29ern Fullys (Specialized, S-Works) im Gelände unterwegs sind. Und dies nicht im Schongang: „Das Gefühl der Sicherheit, dass das 29er bei technisch schwierigeren Passagen vermittelt, ist phänomenal“, meint Martin. „Dank des größeren Durchmessers der Räder wird die  chlagintensität beim Durchfahren eines Schlaglochs reduziert und fördert gleichzeitig auch den Komfort für den Fahrer. Es wird auch weniger Energie benötigt um aus einer Senke wieder herauszufahren. Das heißt, somit geht auch weniger Geschwindigkeit verloren.“ Und Geschwindigkeit gepaart mit präzisem Fahrverhalten ist der Traum eines jeden Mountainbikers. Man kann sagen, dass der Gewichtsunterschied zwischen einem 26-Zoller und einem 29er in etwa 1 – 1,5 Kilogramm beträgt. Dies macht sich auch bei der Beschleunigung bemerkbar. Allerdings gilt auch, je hochwertiger die Ausstattung, je schlanker das Gewicht. Heißt, man kann auch auf Big Wheels in Bereichen von 10,5 – 11,5 kg das Gelände bearbeiten. Ist natürlich auch abhängig vom Geldbeutel des Bikers.

AB INS GELÄNDE

Wir haben uns einen steinigen und schmalen Single-Track in extrem abfallendem Gelände in der Nähe der Meeresbucht von Granadella
ausgesucht. Bereits im Frühjahr sind die Tracks hier an der Küste der Costa Blanca sehr trocken und bieten mit Sand und losem Gestein relativ wenig Grip. Beste Voraussetzungen um Beweglichkeit und Handling der Bikes zu
testen. Alex und Martin kennen das Gelände wie Ihre Westentasche, was jedoch nicht heißt, dass kleinste Fahrfehler zu einem  ungemütlichen Ausflug in die von Dornen bevölkerten Gräsern neben dem engen Trail führen können. Hier ist Selbstvertrauen und fahrerisches Know-How gefordert. Trotz des großen Radumfangs und des längeren Radstand lassen Wendigkeit und Lenkverhalten nichts zu wünschen übrig. Das liegt auch daran, dass der Lenkwinkel bei den 29ern etwas steiler eingestellt ist.

Alex: „Da der Rahmen bei den Specialized Bikes die gleiche Geometrie besitzt wie das 26er, sind enge Kurven im Grunde kein Problem. Vor allem beim Downhill vermitteln die Bikes ein Gefühl von Sicherheit und Präzision beim Lenkverhalten. Da kann man es schon mal  krachen lassen.“

Und Alex muss es wissen. Gerade letzte Woche hat er auf diesem Bike das Ibiza Extrem-Race auf der beliebten Balearen-Insel gewonnen.
„Das Bike ist wendiger als man denkt. Egal ob Jumps, Slides oder einfach nur gerade aus nach unten – mit den größeren Rädern hat man
immer ein gutes Gefühl und die Rückmeldung des Bikes lässt nichts zu wünschen übrig. Das Fahrverhalten in engeren Kurven war sicherlich etwas gewöhnungsbedürftig, nach einer gewissen Zeit jedoch, geht alles wie von alleine.“ Und der Mann weiß wovon er spricht.

Was sind die Nachteile?

Wenn man den Begriff Nachteil verwenden möchte, dann kann man sicherlich die Trägheit und Beschleunigung ansprechen. Und das es beim Bergauffahren dank des Gewichtnachteils etwas schwieriger wird, liegt in der Natur der Sache. Das macht sich auch in der Übersetzung bemerkbar, da sich durch den größeren Reifendurchmesser auch die Entfaltung des Laufrades ändert. Herkömmliche Übersetzungen reichen da nicht mehr aus. Meistens werden Kurbeln mit einer Übersetzung von 38/24, 39/26 oder auch 36/22 Zähnen verwendet.

„Ich denke das ist auch Geschmackssache.“ meint Martin. „Viele glauben, dass sich die Wendigkeit und die höhere Energie beim Antreten negativ auf die Gesamt-Performance auswirken. Letztendlich sind Kurven-Timing und Handling aber auch Gewöhnungssache. Wenn man regelmäßig fährt, trainiert und und auch auslotet wo die Grenzen liegen, dann kann man mit den 29ern wirklich alles machen. Ich fühle mich auf dem Bike absolut sicher und kann auch aggressives und agiles Fahren umsetzen. Schnelle  Kurvenfahren sind kein Problem, auch wenn es mal etwas enger wird. Sicherlich haben die 26er Bikes dort kleine Vorteile, jedoch sicher nicht in dem Maße wie manch einer glaubt.“

Resümee

Abgesehen vom größeren Gewicht und einem etwas verändertem Fahrverhalten  bleibt das 29er unter dem Strich eine interessante Alternative zu den herkömmlichen 26er-Bikes. Ganz klar sprechen Rollverhalten, Komfort, Laufruhe und Grip für den Big-Wheeler – auch im unwegsamen Gelände. Ein weiterer positiver Faktor ist der Komfort für größere Fahrer. Sitzposition und somit auch Handling des Bikes sind perfekt ausgerichtet, auch für Fahrer jenseits der 1,90m. Man muss  den Vorbau nicht mehr künstlich verlängern und somit Geometrienachteile in Kauf nehmen. Und ist man erst mal im Rollen, so hat man den etwas anstrengenderen Antritt auch schon vergessen. Letztendlich kommt es auf die persönlichen Vorlieben eines jeden Mountainbikers an.

Ich persönlich (1,89m) habe sehr viel Spaß mit dem 29er Bike und werde sicherlich auch in Zukunft auf den größeren Rädern rollen. Für Puristen ist es sicherlich erst mal eine Umstellung. Dennoch kann ich empfehlen, dass Bike zumindest einmal  anzutesten. Unsere Tester Martin und Alex sind jedenfalls von dem 29er so schnell nicht mehr runter zukriegen.

29ER-TECHNOLOGIE ANHAND UNSERES SPECIALIZED TEST-BIKES

1. AGILES HANDLING

29er-Rahmen weisen extra kurze Kettenstreben auf, damit der Hinterbau steif und das Fahrverhalten agil bleibt. Kürzerer und konischer Steuerrohre sorgen für ein agiles, kontrolliertes Handling.

2. GEWICHT

Leichtbau- Performance optimiert das Gewicht. Karbonrahmen und Roval-Laufräder (Tubeless-ready) sorgen für beste Fahreigenschaften.

3. KRAFTÜBERTRAGUNG

Gute Tretlager- und Torsionssteifigkeit sorgen für effizienten Vortrieb. Eine niedrige Tretlagerhöhe sorgt dafür, dass der Fahrer tiefer im
Bike sitzt und dadurch an Fahrstabilität und Kontrolle gewinnt.

4. LAUFRÄDER

Unsere Testbikes von Specialized sind mit speziellen XC Trail-Laufrädern ausgestatte. Mit mehr Speichen und breiteren Felgen, um den
Anforderungen dieses Einsatzbereiches gerecht zu werden.