Channing Tatum – Der Hunger nach Erfolg

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Wir sprachen mit Channing, der von seinen Freunden nur Chan gerufen wird, über Foxcatcher, den Hunger nach Erfolg und seine Rolle als Vater. Channing ist seit 2009 mit der Schauspielerin Jenna Dewan („The Mindy Project“) verheiratet, die er 2006 bei den Dreharbeiten zum Tanzfilm „Step Up“ kennenlernte. Ihre Tochter Everly kam im Mai vergangenen Jahres in London zur Welt.

Channing, wie waren die Dreharbeitenzu „Foxcatcher“?
Das war das Schwerste, was ich jemals gemacht habe. Ich hatte Bennett(Bennett Miller, den Regisseur) etwa sieben Jahren zuvor kennengelernt. Ich bin froh, dass das Projekt damals noch nicht spruchreif war. Ich wäre noch nicht bereit dafür gewesen. Ich musste für den Film sieben Monate lang wie ein Ringer leben.Ich trainierte jeden Tag zusammen mit Mark und echten Profi-Ringern. Wenn du mit Athleten einer solchen Kragenweite arbeitest, wirst du praktisch ständig an deine Grenzen gebracht.

Hat es auch Verletzungen gegeben?
Ich musste viel einstecken. Für meine Figur musste ich richtig jähzornig werden. In einer Szene habe ich mit dem Kopf einen Spiegel eingeschlagen – was eigentlich gar nicht im Drehbuch stand. Das war wirklich dumm von mir, und ich hätte mich sehr schwer verletzen können, wenn ich den Spiegel nur ein paar Zentimeter weiter seitlich getroffen hätte. Trotzdem habe ich mir dadurch einen ziemlich üblen Cut am Kopf eingehandelt.Ich habe mir in der ersten Phase des Drehs auch einen Knochenbruch in der Hand zugezogen. Und meine Knie haben extrem gelitten. Das war wirklich starker Tobak. Außerdem habe ich mit der Zeit tatsächlich diese Blumenkohlohren bekommen.Die werden bleiben. Ich sehe sie aber als eine Art Auszeichnung.

Wie war deine Beziehung zu Mark Ruffalo, deinem Film-Bruder?
Er ist ein sehr liebenswerter Mensch. Wenn er in deiner Nähe ist, fühlst du dich sicher. Ich habe eine ältere Schwester, die sich gut um mich kümmert. Mark ist wahrscheinlich der Mensch, der ihr charakterlich am nächsten kommt. Gleichzeitig kann er auch sehr wütend werden, wenn er will. Auch dadurch fühlst du dich bei ihm gut aufgehoben. Dadurch, dass wir sieben Monatelang miteinander ringen mussten, haben wir eine einmalige Beziehung zueinander aufgebaut. Ohne die gemeinsamen Kämpfe wäre das nie möglich gewesen. Du leidest und lernst dabei. Und du wirst bescheiden.

Hat dich der körperliche Anspruch des Trainings mit der Zeit aufgerieben?
Mental war es genauso anstrengend. Normalerweise macht mir die Arbeit am Set wirklich Spaß – mehr als ich mit Worten ausdrücken kann. Aber bei diesem Film war es anders. Hier war alles ein harter Kampf. Einerseits auf  psychologischer  Ebene,  wegen  der dunklen und verzweifelten Seite meiner Figur Mark, und wegen der Beziehung der Brüder zu Du Pont. Es war wirklich schonungslos. Ganz ehrlich: Ich hätte dieses Projekt ohne Mark nicht durchgestanden. Wir haben eine überwältigende Fülle an Erfahrungen mitgenommen. Ich habe mich noch immer nicht ganz von der Rolle gelöst. Jedes Mal, wenn ich den Film sehe, imitiere ich Mark und seine Art,den Unterkiefer vorzustrecken. Ich kann nichts dagegen tun. (lacht)

Wie war das Teamwork mit Steve Carrell, der deinen Mentor spielt?
Wir sind uns bei den Dreharbeiten nicht besonders nahe gekommen. Die Beziehung zwischen unseren Figuren ist so intensiv, dass es schwer gewesen wäre, die Reibung und Spannung aufrechtzuerhalten, wenn wir am Set viel Zeit miteinander  verbracht  hätten. Daher hielt ich mich in dieser Zeit mehr an Mark, um die Verbundenheit der Brüder im Film besser transportieren zu können. In Cannes hatte ich dann Gelegenheit, Steve  genauer  kennenzulernen. Erst da stellten wir fest, wie sehr uns die Zeit am Drehort geprägt hatte.

Foxcatcher wird immer wieder mit der Oscar-Verleihung in Verbindung gebracht. Auch du wirst oft als Kandidat genannt…
Daran möchte ich noch gar nicht denken. Ich habe das Gefühl, dass ich mich mit diesem Film schauspielerisch weiterentwickelt habe. Für mich ist das aber nur ein weiterer Schritt auf meinem Weg. Ich habe Bennett und Mark wirklich viel zu verdanken. Sie waren eine unglaubliche Inspirationsquelle. Sie haben mir die Möglichkeit gegeben, alles in die Rolle hineinzulegen. Ich weiß, dass sie mir denRücken freihielten.

Es heißt, deine Frau Jenna hätte dich während der Schwangerschaft am Set besucht. Angeblich konnte sie es aber nicht mit ansehen, welcher großen Spannung du dich dort aussetzen musstest.
Sie wollte eigentlich eine Woche bleiben, musste aber schon nach zwei Tagen wieder nachhause. Ich war auch kein besonders angenehmer Gesprächspartner. Es fiel mir schwer, mich zu entspannen und in ihrer Gegenwart ganz ich selbst zu sein. Ich hatte mich selbst vergessen, mich voll und ganz auf diese spannungsreiche Gefühlswelt von Mark eingelassen. Ich war praktisch in ihr gefangen. Jenna wollte mich so nicht erleben. Das kann ich ihr auch nicht verübeln. Das war einer der wenigen Momente in unserer Beziehung, in denen ich so tief in eine Rolle eintauchte, dass wir freiwillig auf gemeinsame Stunden verzichteten.

Du hast gesagt, dass deine Vaterrolle eine riesige Veränderung für dich bedeutete. Wie fühlst du dich jetzt damit?
Die Geburt meiner Tochter war einer  der  wichtigsten  Augenblicke  in meinem Leben. Das klingt jetzt vielleicht abgedroschen. Aber du bekommst plötzlich ein größeres Verantwortungsbewusstsein gegenüber allem und jedem. Ich bin sehr ehrgeizig und habe mein ganzes Leben lang viel Zeit in die Arbeit und spannende Projekte investiert. Außerdem wollte ich immer die besten Rollen an Land ziehen. Inzwischen haben sich meine Prioritäten geändert. Heute will ich ein möglichst guter Ehemann sein. Meine Tochter soll in einem möglichst glücklichen und liebevollen Umfeld aufwachsen.Ich will die kleine Welt meiner Tochter in- und auswendig kennen und miterleben, wie sie wächst und ihre Umwelt entdeckt.

Was war für dich die schwerste Veränderung nach der Geburt deiner Tochter?
Ich musste lernen, geduldiger zu sein. Auch die Beziehung zu deiner Frau verändert sich. Schließlich dreht sich ab dem Moment viel mehr ums Baby.Trotzdem ist es das schönste Gefühl der Welt, wenn du deine Tochter hochhebst, sie anschaust und den Moment genießt, wenn du in ihre lachenden, glänzenden Augen blickst.

Du hast schon harte Zeiten mitgemacht. Wie zufrieden bist du mit deinem Leben?
Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich erreicht habe, und unglaublich dankbar dafür. Als Kind und Jugendlicher habe ich die meiste Zeit über gedacht, ich wäre nicht besonders klug. Ich habe mich in vielerlei Hinsicht als Sonderling gefühlt, weil ich nicht besonders gut in der Schule war. Nachdem ich als Stripper und Model gearbeitet und mit der Schauspielerei begonnen hatte, steckten mich die Leute in eine Schublade. Auch da wurde ich nicht besonders respektvoll behandelt. Mein ganzes Leben lang  haben sie mich unterschätzt. Mein ganzes Leben lang. Das lässt in dir das Verlangen wachsen, es irgendwann der ganzen Welt zu beweisen –allen zu zeigen, wozu du fähig bist. Heute genieße ich es, als Überflieger betrachtet zu werden! (lacht)