Das Geheimnis in dir: DNA-Tests für Zuhause

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Deine Low-Carb-Diät funktioniert nicht? HIIT-Workouts mach dich nicht fit, sondern dauernd müde? Jeder Mensch reagiert anders auf bestimmte Trainingssystem oder Ernährungsprogramme. DNA-Tests für Zuhause sollen deshalb nun helfen, herauszufinden, was individuell bei jedem Einzelnen funktioniert – und was nicht. In den USA und Großbritannien hat sich das sogenannte DNA-Profiling auch im Breitensport längst durchgesetzt. MF-Chefredakteur Mark Bergmann hat’s ausprobiert.

 

Von: Mark Bergmann

 

Fünf bis sechs kleine Mahlzeiten am Tag? Das ist nichts für mich, auch wenn Experten und Fitness-Magazine dieses Ernährungsprinzip seit vielen Jahren predigen. Ich komme auch mit Low-Carb nicht besonders gut klar, sondern werde davon nur schlapp und antriebslos. Stattdessen probiere ich gerade Intervallfasten aus und bin damit völlig zufrieden. Mittlerweile nehme ich zum Teil nur eine einzige Mahlzeit am Tag zu mir, dann aber eine gesunde, mit viel Eiweiß, Gemüse und moderat vielen Kohlenhydraten. Das funktioniert hervorragend und ich habe genug Energie für meinen stressigen Alltag aus Job, Sport und Familie – obwohl ich an vielen Tagen vor 13-14 Uhr keinen einzigen Bissen esse. Das widerspricht der Fitness-Philosophie und vielen Tipps, die wir zum Teil auch hier in der Men’s Fitness drucken. Wie kann das sein?

 

 

Ganz einfach: Jeder Körper verwertet die Nährstoffe aus der Nahrung anders und reagiert dementsprechend anders auf bestimmte Lebensmittel. Das gleiche gilt für Sport. Manch einer springt auf Bodybuilding gut an, andere wiederum auf Functional Fitness oder HIIT-Workouts. Der Eine nimmt mit langen Läufen und moderatem Tempo schnell ab, der andere mit knackigen Intervall-Sprints. Manche Leute müssen viel und lange trainieren, um Ergebnisse zu sehen, manche wenig. Mein guter Freund Paul sieht zum Beispiel aus wie ein Top-Athlet, hat ein gemeißeltes Sixpack, trainiert aber nur mäßig oft und ernährt sich wie ein dicker Couch-Potato, der sich auf ein großes Hotdog-Wettessen vorbereitet. Wie der Körper auf Ernährung und Training reagiert, hängt von seiner genetischen Struktur ab. Der geheime Schlüssel zu deinem Fitness-Erfolg liegt also tief in dir drin versteckt.

 

Was bringt mir so ein DNA-Test?

Du fragst dich nun sicher, was du für ein Typ bist. (Und hoffst vermutlich darauf, dass du mit denselben Genen gesegnet bist wie Paul.) Ich habe mir dieselbe Frage gestellt und bin beim Recherchieren auf einen relativ neuen Trend aus den USA gestoßen: DNA-Profiling. Verschiedene Unternehmen versprechen dort, mithilfe einer einfachen Speichelprobe (wie bei einem Vaterschaftstest) deine genetische Struktur zu entschlüsseln und dir so genaue Hinweise zu Training und Ernährung zu heben. Dafür arbeiten die Anbieter mit privaten Laboren zusammen. Das Thema ist aktuell der absolute Hit in der US-Fitness-Szene, wenn auch nicht ganz unumstritten. Wissenschaftler bemängeln, dass es bislang noch zu wenige Studien gibt, um die Wirksamkeit von DNA-Profiling zu belegen. Kein Wunder, so lange gibt es das Angebot ja auch noch nicht, meinen die Anbieter und verweisen auf eine Reihe erster positiver Forschungsberichte, die unter anderem Vorteile bei Muskelregeneration, Leistungsfähigkeit und Verletzungsprävention bestätigen. Mittlerweile hat sich der Service außerdem auch in Europa, allen voran in Großbritannien durchgesetzt, Zeitschriften wie Forbes berichten positiv darüber und viele namhafte Sportler werben als Testimonial für die verschiedenen Anbieter, darunter Strongman Eddie Hall, der Weltrekordhalter im Kreuzheben.

 

Vielleicht ist DNA-Profiling ja der neue große Fitness-Trend, der den Sport revolutionieren wird, wie es einst Proteinpulver und Kreatin-Präparate taten (die anfangs ebenfalls argwöhnisch von Wissenschaftlern beäugt wurden)? Skeptisch bin ich nur noch aufgrund des vor allem in Deutschland heiklen Themas Datenschutz. Es muss schließlich nicht jeder wissen, was für fitte (oder unfitte) Gene ich habe – schon gar kein Anbieter von Fitness- und Gesundheitsprodukten. Also recherchiere ich weiter und erfahre, dass die DNA-Tests aller Anbieter ausnahmslos anonymisiert vonstatten gehen. Zugriff auf die Ergebnisse habe letztlich nur ich als registrierter Kunde über ein passwortgeschütztes Online-Portal. 

 

Mein DNA-Test

Ich bin also neugierig und beschließe, tatsächlich ein solches DNA-Test-Kit zu bestellen und meine Erfahrungen damit in dieser kleinen Artikelserie festzuhalten. Ich entscheide mich für den führenden britischen Anbieter Muhdo, für den Kraftpaket Hall wirbt und dessen Kits inzwischen auch in Deutschland erhältlich sind. Das Ganze ist spielend einfach: Ich registriere mich auf der Webseite von Muhdo und bestelle für 200 Euro eines der Test-Kits.

 

Die Speichelprobe wird mit einem einfachen Wattestäbchen genommen.

Wenige Tage darauf habe ich Post im Briefkasten. In der schicken Box enthalten ist: eine leicht verständliche Schritt-für-Schritt-Anleitung, ein eingeschweißtes Wattestäbchen für die Speichelprobe, ein kleines Plastikröhrchen inklusive Verschlusskappe und einer kleinen Kapsel, die die Feuchtigkeit aufsaugen soll sowie ein Aufkleber mit meiner individuellen Nummer, Name und Geburtsdatum. Ich warte mindestens 30 Minuten nach meiner letzten Mahlzeit und reibe das Wattestäbchen je 30 Sekunden lang an den Innenseiten meiner Wangen. Anschließend breche ich den Wattekopf an der dafür vorgesehenen Stelle ab und schiebe ihn mit der Trockenkapsel in das Röhrchen, das ich anschließend verschließe und mit dem ausgefüllten Aufkleber versehe. Zum Schluss kommt das Röhrchen in einen Briefumschlag und wird an Muhdo zurückgesandt. In vier bis sechs Wochen kann ich mit den Laborergebnissen rechnen, die ich in meinem privaten Kundenbereich auf muhdo.com einsehen kann.

 

Gut vier Wochen warte ich schon auf meine Testergebnisse, als ich per E-Mail benachrichtigt werde, dass mein DNA-Profil nun online abrufbar ist. Analysiert wurde die eingesandte Speichelprobe in einem renommierten Labor in den USA – völlig anonym. Nur ich habe anhand meiner persönlichen ID-Nummer Zugriff auf die Ergebnisse.

 

Gott sei Dank kein Low-Carb

Die Prozedur ist einfach und schnell erledigt.

Ich logge mich im Kundenbereich des Testanbieters Muhdo ein und bin positiv überrascht: Die „Dashboard“ genannte Übersichtsseite wirkt aufgeräumt und übersichtlich, trotz der Fülle an Informationen. Ich kann zunächst zwischen vier großen Bereichen wählen, die im weitesten Sinne den verschiedenen Fitness-Zielen entsprechen: Muskelaufbau, Fettabbau, Fitness und Fit for Life, worunter Gesundheit, Stress und Belastbarkeit in Job und Alltag zusammengefasst sind. Ich habe, anders als bei anderen Anbietern, nach Kauf eines DNA-Tests dauerhaft auf alle vier Bereiche Zugriff, weitere sollen im kommenden Jahr hinzukommen. Da sich bei mir in den vergangenen Monaten das eine oder andere Kilo zu viel auf der Hüfte angesammelt hat, wähle ich Fettabbau und bekomme statt komplizierter Daten erst einmal ein übersichtliches Kuchendiagramm angezeigt, mit dem mir erklärt wird, wie meine Ernährung im Optimalfall zusammengesetzt sein sollte. (Fast zur Hälfte aus Kohlenhydraten, was meine in Teil 1 geäußerte Vermutung bestätigt, dass Low-Carb für mich nicht funktioniert.) Daneben sind acht kleine Tachometer angeordnet, die Attribute wie mein genetisches Adipositas-Risiko, die Auswirkung von Training auf mein Gewicht, meine Stoffwechselrate oder mein Verlangen nach Süßkram mithilfe des Ausschlags der Tachonadel bewerten.

 

„Ich erfahre, dass für meine Eiweißversorgung herkömmliche Lebensmittel genügen, ich aber zu einem Omega-3-Defizit neige. Statt Whey kaufe ich nun also Fischölkapseln.“

 

HIIT statt Joggen

Diese Informationen allein würden mir eigentlich schon reichen, um meine Ernährung umzustellen. Doch die Übersicht ist nur der Einstieg. In einem Menü am linken Bildrand kann ich die Unterpunkte Sport, Ernährung, Vitamine & Supplements, Gesundheit & Lifestyle sowie Psychologie anwählen und erhalte noch detailliertere Informationen, z. B. darüber, wie, wie lange und wie häufig ich trainieren sollte, um effektiv abzunehmen. Ich spreche laut DNA-Analyse offenbar sehr gut auf Training an. Mir wird geraten, zusätzlich zu Cardio- auch Muskelaufbautraining zu betreiben, da das meinen Abnehmprozess noch mehr beschleunigen würde. Scrolle ich etwas weiter nach unten, erhalte ich Trainings-Tipps und Workout-Pläne die individuell auf meine Genstruktur zugeschnitten sind. Für mich heißt das leider: Vier bis sechs Einheiten pro Woche á 30-45 Minuten, kaum Joggen, dafür viele HIIT-Sessions mit kurzen Pausen. Bislang hatte ich im Fitness-Studio eher nach dem klassischen dreimal acht Wiederholungen Bodybuilding-Prinzip trainiert und bin ein bis zweimal die Woche joggen gegangen. Ich werde mich also umstellen müssen und hoffe, die Quälerei bringt den gewünschten Erfolg.

 

Das Ende der Protein-Shakes

Ebenfalls interessant: Meinen täglichen Protein-Shake kann ich mir künftig sparen. Im Unterpunkt Vitamine & Supplements erfahre ich, dass für meine Eiweißversorgung herkömmliche Lebensmittel genügen, ich dafür aber zu einem Omega-3-Defizit neige. Also investiere ich mein Geld nun statt in Whey-Pulver wohl lieber in Fischölkapseln. Im Bereich Gesundheit & Lifestyle bestätigt sich, dass meine Knochendichte sehr hoch ist, weshalb ich mir vermutlich bis auf die Nase noch nie etwas gebrochen habe. (Ich habe schon immer gesagt: Ich bin nicht dick, ich habe nur schwere Knochen.) Mein Bluthochdruck- und Erkältungsrisiko sind außerdem niedrig, dafür neige ich – Überraschung! – etwas zu Übergewicht.

 

Fazit

Warnung: Das Muhdo-Dashboard macht süchtig. Seit meinem ersten Login sind mehrere Stunden vergangen, in denen ich mich durch die einzelnen Bereiche und Attribute geklickt habe. Ich weiß nun viel mehr über mich selbst, sehe mich in einigen Annahmen bestätigt, bin in vielen Punkten aber auch total überrascht. Ich nehme mir vor, Sport und Ernährung nun entsprechend meines DNA-Profils umzustellen und bin bereits gespannt auf die Ergebnisse. Erste Fortschritte gibt es hoffentlich bereits in der nächsten Ausgabe zu vermelden.