Das Boxen ist eine traditionsreiche Sportart voller Legenden: Ali, Mancini, Tyson, Leonard, Duran, Louis, Robinson, Dempsey, Foreman, Marciano und in jüngster Vergangenheit auch Pacquiao und Mayweather. Für Krafttrainer Moritz Klatten stellt sich weniger die Frage, wer die besten Boxer aller Zeiten sind. Ihn interessiert vielmehr, wie sie sich so prächtig entwickeln konnten, damit er das Wissen dann zum Training seiner eigenen Sportler nutzen kann. In seinen Anfangsjahren als Krafttrainer betreute Klatten die Kämpfer in Box-Gyms oder anderen Anlagen, die mit dem nötigen Equipment ausgestattet waren. Er stellte aber fest, dass das vom ökonomischen Standpunkt her nicht besonders sinnvoll ist. Er verbrachte einfach zu viel Zeit mit der An- und Abreise, die er eigentlich lieber ins Training investiert hätte. Die Lösung: ein eigenes Studio bei sich zu Hause in seiner Heimatstadt Hamburg. In seiner Garage befindet sich sogar ein Boxring. Sein Studio trägt den klangvollen Namen Champ Performance – und das mit Fug und Recht. Unter den Champions, die Klatten als Coach betreut hat, finden sich drei Olympiasieger, vier Amateur-Weltmeister und fünf Weltmeister im Profiboxen. Zu den größten Namen zählen Yuriorkis Gamboa, Juan Carlos Gómez, Herbie Hide und Jack Culcay. Klatten hat schon mit Elite-Boxtrainern wie Ismael Salas, Orlando Cuellar, Fritz Sdunek, Michael Timm, Freddie Roach, Joey Gamache und Jimmy Montoya zusammengearbeitet. Daneben gilt er als erfahrener Fußball-Krafttrainer. Er hat mit Elite-Spielern aus bereits 12 Länder zusammengearbeitet. Zu den internationalen Größen, die seine Dienste schon in Anspruch genommen haben, gehören Spieler wie Zlatko Junuzovic von Werder Bremen, Tolgay Arslan von Besiktas und Piotr Trochowski, derzeit bei Augsburg unter Vertrag. Als junger Sportler begann Klatten im Alter von sechs Jahren zuerst mit Hockey und Tennis. Heute hält er sich aber hauptsächlich mit Gewichtstraining fit, weil er nach eigenen Angaben ohnehin den größten Teil seiner Zeit im Fitnesscenter verbringt. Nach seinem zweijährigen Architekturstudium bei der Architectural Association in London entschied sich Klatten zum radikalen Berufswechsel, um Kraft- und Konditionstrainer zu werden und als Manager Boxer zu betreuen. Klattens neues Buch zum Kraft- und Konditionstraining für Fighter, „The Klatten Power Boxing System“ ist seit April erhältlich. Im folgenden Interview gibt uns der Trainer einige Anregungen dazu, wie Champions trainieren sollten. Dazu nimmt er Stellung zu einigen aktuellen Kampfsport-Themen.

 

Reden wir doch zuerst ein wenig übers MMA und die Fighterin Ronda Rousey. Letztes Jahr erschien sie auf dem Cover des „The Ring“-Magazins. Es gab Spekulationen dahingehend, dass sie auch als Boxerin eine gute Figur abgeben könnte. Dann bekam sie aber im Kampf gegen Holly Holm ihre Grenzen aufgezeigt. Was hat Holly gegen Ronda aus der Sicht des Boxers richtig gemacht? Was hat ihr beim Sieg der UFC 193 geholfen?

Der Knackpunkt war eher umgekehrt Rondas Taktik gegen Holly! Ronda ist eine tolle Kämpferin. Sie ist allerdings mit der falschen Strategie in den Kampf gegen die ehemalige Box-Weltmeisterin hineingegangen. Zunächst einmal ist sie viel zu nah an Holly herangegangen. Sie war auch viel zu aggressiv in der Vorwärtsbewegung, was sie viel Energie gekostet hat.

 

Schwenken wir um auf die Männer: Wie würde ein Georges St-Pierre in Topform wohl in einem Boxkampf gegen Floyd Mayweather junior abschneiden? Könnte er bestehen?

Georges ist ein unglaublicher Fighter und ein toller Champion. In einem Boxkampf hätte er aber keine Chance gegen Floyd.

 

Hat der Boxsport viele gute potenzielle Kämpfer an die MMA-Szene verloren?

MMA ist gut fürs Boxen, und umgekehrt. Ich sehe da keine Konkurrenz zwischen den beiden Disziplinen. Wenn überhaupt, würde ich vielleicht sagen, dass wir mehr Talente an den Fußball und Basketball verlieren. Wie ich festgestellt habe, sind MMA-Fighter außerdem sehr offen für Anregungen und scheuen sich auch nicht, die Hilfe von Boxtrainern in Anspruch zu nehmen. Das Problem in Amerika ist, dass die Schwergewichtsklasse in den letzten Jahren ziemlich geschwächelt hat. So entsteht automatisch der Eindruck, der ganze Sport befände sich in der Krise.

 

Nehmen wir einmal an, ein junger Sportler muss sich zwischen MMA und Boxen entscheiden. Denkst du nicht auch, dass er eher zum MMA tendieren würde, weil man dort leichter Geld verdienen kann?

Im MMA steckt nicht so viel Geld, wie viele denken. Es gibt eine Handvoll an Fightern wie Conor McGregor, die mittlerweile im MMA gutes Geld verdienen. Aber nimm beispielsweise einmal den Boxer Floyd Mayweather junior. Sein Vermögen wird auf 400 Millionen geschätzt, das von Georges St-Pierre auf 25 Millionen. Hinter der Elite sinkt die Verdienstkurve dann steil ab. Viele professionelle MMA-Fighter kommen gerade so über die Runden.

 

Gamboa Moritz Boxen
„El Ciclon“, der Wirbelsturm, wie Yuriorkis Gamboa (34, auf der Bank) auch genannt wird, holte 2004 Olympia-Gold für Kuba. Seine Bilanz seither: 26 Profi-Kämpfe, 25 Siege, 17 davon durch K.o. Nachdem Gamboa, der übrigens beim US-Rapper 50 Cent unter Vertrag ist, einen millionenschweren Drei-Kämpfe-Deal beim US-Sender HBO unterzeichnet hat, ging’s direkt zum Training zu Kraftcoach Klatten. Hier drückt der WBA Champion gerade 100 Kilo nach oben. Foto: Christian Barz

 

Welche Methoden im Kraft- und Konditionstraining anderer Betreuer sind dir bei deinem Einstieg aufgefallen, die du jetzt eher kritisch betrachtest? Und welche Trainer haben dich positiv beeinflusst?

Als ich ins Boxtraining einstieg, arbeitete ich gleich mit einigen der erfolgreichsten Trainer der Welt.
Es gab aber keine Boxtrainer, die mich mit ihren Methoden zum Konditionsaufbau wirklich überzeugt hätten. Es wurde viel zu viel tägliches Langzeit-Ausdauer-Training gemacht, und das Gewichtstraining zielte hauptsächlich auf die Kraftausdauer ab, etwa mit 20 WDH pro Satz – was überhaupt keinen Sinn ergibt. Dazu kamen kontraproduktive Übungen wie das Schattenboxen mit Kurzhanteln oder das Training am Sandsack mit Zusatzgewichten. Damit kannst du dir schnell die Schultern ruinieren.

 

 

Ist es möglich, allein durchs Training am Sandsack eine gute Schlagkraft zu entwickeln? Wie hoch ist der Anteil des Schlagtrainings am Sandsack in deinen Einheiten?

Es gibt bessere Methoden zum Aufbau der Schlagkraft als das Training am Sandsack. Eine davon ist das Gewichtstraining. Zu den besten Übungen in diesem Bereich zählen das Bankdrücken auf der Schrägbank sowie Klimmzüge im Unter- und Obergriff. Sehr hilfreich ist auch das olympische Gewichtheben – aber nur, wenn dir jemand eine saubere Technik beibringt.
Was die zweite Frage angeht: Ich konzentriere mich gern in den ersten Trainingsphasen auf den Sandsack. Beim Krafttraining würde dies der Vorbereitung entsprechen. Mit näherrückendem Kampftermin verschiebt sich der Fokus immer mehr auf double-end bags. Der sogenannte Doppelendball schwingt nach dem Schlag direkt wieder zurück auf den Sportler und stellt dadurch die Reaktionen des Gegners nach. So lassen sich wunderbar Abwehrbewegungen auf Konter trainieren. Bei dieser Art von Punchingball sinkt auch die Belastung für die Schultern.

 

Welche Art von Krafttraining hast du deinen besten Kämpfern im Fitnesscenter verordnet?

Gamboa und Culcay kamen beim Bankdrücken auf der Schrägbank auf Gewichte über 45 Kilo oberhalb ihres eigenen Körpergewichts. Gamboa konnte sich beim Klimmzug im Obergriff gut 40 Kilo zusätzlich draufpacken. Den Farmer’s Walk hielt er über 40 Meter lang durch – mit Zylindern in den Händen, die zweimal so schwer waren wie sein eigenes Körpergewicht. Und Culcay packte drei Dips mit einer Last von 75 Kilo am Gürtel. Das ist schon ziemlich ordentlich bei einem Körpergewicht von 79 Kilo.

 

Was hältst du von den Konditionseinheiten in den Rocky-Streifen?

Der Film spiegelt das Konditionstraining wieder, das zum damaligen Zeitpunkt aktuell war. Doch mit der Zeit ändern sich auch die Trainingsmethoden. In den späteren Folgen sah man beispielsweise auch Rocky oft mit schweren Gewichten trainieren.

 

Wie finden die Leute zu dir?

Hauptsächlich durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Leute, mit denen ich arbeite, erzählen anderen Sportlern davon. Und die Promoter, mit den ich zusammenarbeite, schicken oft Sportler zu mir. Außerdem verfasse ich Artikel für diverse Magazine zu meinen Fitnessmethoden.

 

Gibt du auch Gruppenunterricht, oder machst du nur Einzeltraining?

Ich betreue die Leute 1 zu 1, weil ich so das meiste aus meinen Klienten herausholen kann. Ich kann das Training so außerdem viel individueller an ihre Bedürfnisse anpassen.

Klatten Boxen
Kaum ein Boxer feuert so explosive Schlag-Serien ab wie „Golden Jack“ Culcay. Gegen Guido Nicolas Pitto (rechts) zeigte er über zwölf Runden eine dominante Leistung und gewann mehrstimmig nach Punkten.

 

Welche Defizite siehst du am häufigsten bei neuen Boxern?

Die meisten Boxer, die zu mir kommen, haben eine Fehlhaltung – sehr häufig eine sogenannte Kyphose ( Krümmung der Wirbelsäule; Anm. d. Red.). Zu den muskulären Schwachpunkten zählen oft die Rotatorenmanschetten und die unteren Trapezmuskeln. Die wenigsten Kämpfer, die zu mir kommen, sind so stark, wie sie es eigentlich für ihr Niveau sein müssten. Viele meiner Einsteiger-Workouts konzentrieren sich daher auf den Kraftaufbau.

 

Welche sind deine Lieblingsübungen für die Beine?

Mir gefällt das Kreuzheben an der Hex Bar, vor allem für großgewachsene Sportler. Das ist eine tolle Übung zum allgemeinen Kraftaufbau, die außerdem die Trapezmuskeln stark beansprucht. Nach dem Ende des Satzes lasse ich meine Athleten oft zum Abschluss noch ein paar Wiederholungen des Schulterhebens absolvieren. Auch das Strongman-Training gefällt mir, insbesondere der Farmer’s Walk.

 

Braucht ein Boxer ein spezielles Nackentraining?

Unbedingt! Das Nackentraining ist wie eine Lebensversicherung. Ich habe dafür extra eine Maschine in meinem Gym. Wie ich herausgefunden habe, eignet sie sich besonders gut zum Training der Beugung zur Seite und passt sich besser an die Kraftkurve der Übung an.

 

Nenn uns doch einmal ein paar Unterschiede zwischen Amateur- und Profiboxen.

Wenn du ein guter Amateurboxer bist, heißt das nicht automatisch, dass du auch auf Profiniveau den Durchbruch schaffst. Ein gutes Beispiel dafür ist Audley Harrison, der bei den Olympischen Spielen von Sydney die Goldmedaille gewonnen hat. Die Box-Community war sich einig, dass aus Audley einmal der neue Lennox Lewis werden würde. Diesem Anspruch ist Audley aber nie gerecht geworden.

Das Hauptproblem dabei: Das Amateurboxen basiert auf einem Punktesystem, das nicht die Härte der Schläge berücksichtigt. Beim Profiboxen wirst du dafür belohnt, wenn du deinem Gegner wehtust. Ein Profikämpfer muss deshalb entsprechend mehr einstecken als ein Amateur. Fighter, denen es an Robustheit fehlt, sollten entweder weiter im Amateurbereich bleiben oder aufhören. Bei den Profis werden sie auf jeden Fall nicht glücklich.

 

Welche Ratschläge würdest du den Eltern eines jungen Kämpfers geben?

Der Nachwuchs muss früh mit dem Krafttraining anfangen, vielleicht schon im Alter von zwölf Jahren, wenn er die entsprechende Konzentration mitbringt.

 

Viele Eltern haben Angst davor, dass ihre Kinder Gehirnerschütterungen davontragen, wenn sie mit dem Boxen anfangen. Wie oft erlebt man es, dass ein Boxer im Training ausgeknockt wird?

Es ist eine Legende, dass die Sportler beim Training k. o. geschlagen werden und immer wieder Gehirnerschütterungen erleiden. Im Training verwenden die Sportler weichere Handschuhe. Die Schläge werden dadurch abgedämpft. Trotzdem wird die Sache ernst genommen.
So zum Beispiel wurde der Kopfschutz im Amateurbereich abgeschafft, weil er das Sichtfeld des Kämpfers einschränkt und ihn anfälliger für bestimmte Schläge macht. Nichtsdestotrotz empfehle ich, beim Sparring einen Kopfschutz zu tragen – allerdings keinen, der das Blickfeld einengt.

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“Es gibt bessere Methoden zum Aufbau der Schlagkraft als das Training am Sandsack. Eine davon ist das Gewichtstraining”, so Moritz. Foto: Christian Barz

 

Was hast du als Nächstes vor? Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ich möchte eine zweites Gym eröffnen und mehr Kämpfer zu Champions ausbilden. Ich bin allerdings nicht daran interessiert, eine Kette aufzubauen, da es mir wichtiger ist, die Qualität hochzuhalten.

 

Wer sind deiner Meinung nach die besten Kämpfer aller Zeiten?

Da würde ich gern differenzieren. Die meisten haben nämlich einen bestimmten Bereich, in dem sie alle anderen überragen.
Ich würde sagen, der athletischste Kämpfer, den ich jemals gesehen habe, ist Roy Jones junior. Der Boxer mit den schnellsten Händen ist für mich Manny Pacquiao, der härteste Puncher war Tyson. Was die Intelligenz im Ring angeht, denkt man natürlich sofort an Floyd Mayweather junior und natürlich Muhammad Ali.
Als besten Schwergewichtler aller Zeiten würde ich ebenfalls Mike Tyson auf dem Gipfel seiner Laufbahn nennen. Das war allerdings nur eine sehr kurze Phase. Den besten Jab (Führhand) in der Schwergewichtsklasse hatte Larry Homes. Sein Jab war praktisch perfekt.

 

Was waren deiner Meinung nach die besten Kämpfe?

Sugar Ray Leonard, Marvin Hagler, Thomas Hearns und Roberto Duran gelten als die „glorious four“ des Boxsports. Ihre Kämpfe waren echte Klassiker. n