DER SELBSTVERSUCH: Nach 18 Monaten Training tritt Gilbert zum Ironman an

3,8 Kilometer schwimmen im Langener Waldsee. 185 Kilometer mit dem Rad durch Frankfurt und die Wetterau. Danach 42,2 Kilometer entlang der Mainufer laufen. 18 Monate brachte Gilbert Wilks dafür Training, Familie und Beruf unter einen Hut. Dann ist der große Tag da: der Ironman Frankfurt.

0
3408

Nach 18 Monaten Training war es endlich soweit. 3,8 Kilometer schwimmen im Langener Waldsee. 185 Kilometer mit dem Rad durch Frankfurt und die Wetterau. Danach 42,2 Kilometer entlang der Mainufer laufen. Der Ironman Frankfurt. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Der Vortag war der Wettkampfvorbereitung gewidmet. Zufällig hatte ich eine Tiefgarage mit direktem

Aufgang zum Römerberg, dem Zielbereich, erwischt. Es waren Tribünen aufgebaut und der

Weg ins Glück mit einem roten Teppich markiert … Gänsehautfeeling. Ich mußte meine Startunterlagen

abholen, meinen Beutel mit den Laufsachen abgeben und wollte noch die Wechselzone anschauen.

Überall traf man Sportler mit Finisher-T-Shirts von diversen Triathlon Veranstaltungen,

bald würde ich auch eins haben.  Am Nachmittag folgte noch der Rad Check in am Langener Waldsee mit Besichtigung der Schwimmstrecke und der Wechselzone. Natürlich habe ich auch das Material der Konkurrenz beäugt. Im Radpark standen locker mal zehn Million Euro rum.

Es ist soweit

Um halb vier klingelte der Wecker, eine halbe Stunde später haben meine Tochter, meine Frau und

ich das Haus verlassen und eine weitere halbe Stunde später saßen wir im Shuttle-Bus zum Langener

Waldsee.

Um fünf herrschte in der Wechselzone bereits reger Trubel, die obligatorische Radkontrolle unmittelbar vor dem Rennen. Keiner will später wegen einem Raddefekt aufgeben müssen.

Alle sind erleichtert, als das OK der Rennleitung für den Neoprenanzug gegeben wird, der See war

(noch) nicht zu warm. Mir persönlich ist es als guter Schwimmer egal, aber Viele sind sehr

dankbar, wenn ihnen der Auftrieb das Schwimmen erleichtert. Also habe ich mich in das Gummiteil

gequetscht und mich von meiner Familie in Richtung Einschwimmbereich verabschiedet.

Um halb sieben stand ich dann in meiner Zeitgruppe für das Schwimmen und verfolgte den Start der Profis.

Zehn Minuten später sollte ich an der Reihe sein. Wirklich nervös war ich nicht, eher schon auf das

Rennen fokussiert. In den letzten Jahren habe ich zur Gelassenheit gefunden. Ich wußte nicht, ob

ich ausreichend auf das Rennen vorbereitet war, aber daran konnte ich jetzt nichts mehr ändern.

Außerdem wusste ich von den Vorbereitungswettkämpfen, daß unmittelbar nach dem Start der

Tunnelblick einsetzt und keine Zeit mehr für Zweifel bleibt.

Swim

Der Start selbst war etwas unspektakulär. Alle 2 Sekunden wurden zehn Athleten mittels

Trillerpfeife auf die Reise geschickt, der sogenannte Rolling Start. Im Wasser konzentrierte ich

mich sofort auf die Schwimmtechnik, zehn Armzüge und dann Kopf hoch um die nächste Boje

anzupeilen. Trotz Rolling Start wurde es vor allem um die Wendebojen immer sehr eng. Da darf

man keine Platzangst haben. Man muß einstecken, teilt aber auch aus. Die Arme verhaken sich,

man wird abgedrängt, man schlägt auf andere Beine und umgekehrt. Mit der Zeit reicht es einem

aber auch und man muß seine Aggressionen unterdrücken. Triathlon ist kein Streichelzoo. Hier

kämpft jeder für sich und muß sich gegen die Anderen behaupten. Die ganze Zeit hatte ich Angst,

daß mein Zeitchip oder meine Brille runter gerissen werden. Und den geraden Weg habe ich auch

nicht gefunden. Vermutlich bin ich zum Teil Schlangenlinien geschwommen. Im Unterschied zum

Schwimmbad sieht man im Freiwasser nur wohin man schwimmt, wenn man den Kopf hebt, was

einen allerdings aus dem Rythmus bringt. Und wenn dann ein Arm stärker zieht als der Andere

schwimmt man in Bögen. Nach etwa einer Stunde und zehn Minuten verlasse ich das Wasser und

torkele dem Radpark entgegen. Es waren noch viele Räder da, das stärkt das Selbstvertrauen.

Cycle

Die ersten zehn Radkilometer führten über eine flache, zweispurige Bundesstraße Richtung Norden,

ins Zentrum von Frankfurt. Meine Beine fühlten sich wunderbar an und ich hatte das Gefühl

zu fliegen. Nach der Mainbrücke waren es noch zwei Runden durch die Provinz nördlich von

Frankfurt. Ab hier begann es auch hügelig zu werden, immerhin waren 1450 Höhenmetern zu bewältigen.

Vor Anstiegen hatte ich immer noch Respekt, da meine Kraftausdauer nach wie vor zu

wünschen übrig lies, aber immerhin konnte ich dann bergab ein paar Konkurrenten überholen.

 

Sechs Stunden auf dem Rad. Das muß doch langweilig sein. 

Nein, es ist überhaupt nicht langweilig und die Zeit vergeht wie im Fluge. Gedanklich ist man permanent

damit beschäftigt auf die Technik, die Strecke und die anderen Fahrer zu achten, den Körper

abzuchecken und sich regelmäßig zu verpflegen. Entspannen und Abschalten geht nicht. Beim

Triathlon gilt Windschattenfahrverbot, zehn Meter Abstand oder überholen innerhalb von 25

Sekunden. Zumindest in der ersten Runde war das nicht leicht bei dem dichten Verkehr. Und so

sah man dann in den Penalty Boxen auch immer wieder Fahrer ihre Zeitstrafen absitzen. Auch ich

wurde einmal vom Kampfrichter angezählt, weil ich nicht schnell genug überholt hatte. Eigentlich

ein Witz, da ich in der Regel überholt wurde.

 

Tour de France Feeling

Wenige Kilometer vor dem Ziel, am letzten, relativ steilen Anstieg konnte man Tour de France Feeling genieІen. Die Zuschauer bilden ein enges Spalier und schreien die Triathleten nach oben. Auf der Kuppe kann man den Blick kurz über die Skyline von Frankfurt schweifen lassen und fliegt dann mit hoher Geschwindigkeit über die leicht abfallende StraІe dem Wendepunkt und beim zweiten mal dem Ziel entgegen.

Sechs Stunden, sechs Minuten. Erleichterung pur.

Nach sechs Stunden und sechs Minuten stelle ich das Rad ab. Erleichterung pur, auch wenn der Rücken mittlerweile stark schmerzt und die Beine müde sind, aber das Rad hat gehalten. Jetzt kann mich nichts

mehr aufhalten. Ein Aufgeben ist ab diesem Zeitpunkt nicht mehr erlaubt. Notfalls kann ich ins Ziel

kriechen („Den Schmerz vergisst man, aufgeben nie.“).

Run

Beim Laufen sind vier Runden am Main entlang zu bewältigen. Die ersten Kilometer lief ich wie auf

Eiern. Doch nach kurzer Zeit hatte ich meinen Rhythmus gefunden und konnte zwei Runden ohne

Probleme durchlaufen. Danach begannen die Qualen. Ab diesem Zeitpunkt unterteilt man die

Strecke in Etappen. Man visiert die nächste Brücke oder die nächste Verpflegungsstation als Zwischenziel an, ehe man sich erlaubt kurzzeitig ins Schritttempo zu verfallen. Ungewohnterweise hatte ich die ganze Zeit leichte Magenschmerzen. Vermutlich, weil ich den ganzen Tag nur dieses Energiegel mit Wasser zu mir genommen hatte. Doch erst in der letzten Runde traute ich mich auch feste Nahrung in Form von Bananen und Energieriegel zu essen. Und wie durch ein Wunder habe ich mich wieder erholt und konnte die letzten Kilometer sogar durchlaufen.

 

„Genieße es, Du hast dafür bezahlt!“

Die Anfeuerungsrufe der Zuschauer und vor allem die meiner beiden größten Fans haben mir tatsächlich geholfen. Man will nicht durch die Menschenmenge gehen, da werden die letzten Reserven mobilisiert, um zumindest im leichten Trab durchzukommen. Ein bisschen klingt es einem aber auch wie Hohn, wenn die Oberschenkel mit langen spitzen Nadeln bearbeitet werden und die Zuschauer einem Zurufen: „Du schaffst das … Du siehst noch gut aus … “. Schön fand ich auch ein Plakat mit der Aufschrift: „Genieße es, Du hast dafür bezahlt!“.

In den 18 Trainingsmonaten habe ich mir unzählige male den Zieleinlauf vorgestellt. Und dann war es in 10 Sekunden vorbei. Die letzten 2 Kilometer bin ich absichtlich langsamer gelaufen, um das dann unvermeidliche Erreichen des Ziels, meines Ziels hinauszuzögern.

Etwa halb Sieben, nach elf Stunden und fünfzig Minuten habe ich die Ziellinie passiert. Ich war froh, daß es vorbei ist, ich war traurig, daß es vorbei ist. Mir war klar, daß es ein besonderer Moment ist und habe versucht die Gefühle beim Zieleinlauf bewußt zu erleben. Doch mehr als Stolz und Erleichterung war da nicht. Es klingt abgedroschen, bestätigte sich aber wieder:

Der Weg war das Ziel.

Nach dem Rennen konnte ich für zwei Tage keine Treppen steigen, auch das Hinsetzen fiel schwer.

Mein Schulterbereich war völlig verkrampft und tat höllisch weh. Der Rücken war von der Sonne

total verbrannt. Meine Frau und meine Tochter fanden es lustig, daß sich die weiße Silhouette

meines ärmellosen Einteilers deutlich von dem braun-roten Restbereich abzeichnete. Aber dafür

habe ich jetzt auch ein finisher T-Shirt zum Posen.

Es ist vorbei. Jetzt bin ich ein Ironman.

Jetzt bin ich eine Weile traurig und orientierungslos. Das neue Ziel ist schon definiert, aber aller Anfang schwer. Ich hänge noch dem Alten nach und kann mich nicht völlig auf das Neue einlassen. Doch das geht vorbei. Frei nach Hermann Hesse wohnt jedem Anfang ein Zauber inne und darauf freue ich mich jetzt.