Markus Bendler – Klettern am Limit

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Es gibt nur wenig Vergleichbares im Klettersport. Eisklettern ist nicht nur faszinierend und atemberaubend – es ist auch unberechenbar, gefährlich und erfordert viel Erfahrung und Know-How. Eiskletterweltmeister Markus Bendler weiß wie’s geht. Die richtige Einstellung, hartes Training und die Liebe zum Sport haben ihn an die Spitze dieses Extrem-Sports gebracht. Wir haben ihn gefragt worauf es ankommt, wenn man nicht unter einem gefrorenen Wasserfall die letzten Stündlein seines Seins pflegen möchte…

 

Markus, Du hast Dir bereits zweimal den Titel des Eiskletterweltmeisters gesichert und gehörst in dieser Disziplin zur absoluten Weltspitze. Worin liegt für Dich die Faszination, den Fels gegen das Eis zu tauschen?

Die Faszination liegt mitunter darin, dass sich die Materie Eis ständig verändert und sich somit immer wieder neue Herausforderungen bieten. Sich im Winter in einer alpinen Umgebung zu bewegen ist generell unbeschreiblich faszinierend! Die oftmals härteren und kälteren Bedingungen setzen bei mir auch des Öfteren höhere Glücksgefühle frei, insbesondere bei Erfolgserlebnissen.

Welche klettertechnischen Unterschiede gibt es gegenüber dem herkömmlichen Klettern?

Der größte Unterschied oder Umstellung ist die Temperatur. Während man sich am Fels meist bei angenehmen Temperaturen beschäftigt, fällt das Thermometer beim Eisklettern gerne mal auf unter Minus 10 Grad Celsius. Man hat dadurch ziemlich oft mit kalten Fingern und Zehen zu kämpfen. Des Weiteren gilt es, im Winter mehr auf äußere Bedingungen wie beispielsweise Eisaufbau, Schneelage und Lawinengefahr achten. Im Gegensatz zum Felsklettern, bei dem man meistens vorgegebenen Routen, mit bereits platzierten Haken folgt, ist das Eisklettern wie eine Erstbegehung. Eisschrauben (Felshaken für das Eis; Red.) müssen immer selbst angebracht werden und die Linienführung ist somit ziemlich frei.

Werden Deine Muskeln anders belastet, da Du weniger mit dem gesamten Körper arbeitest und die Ausrichtung größtenteils auf den Eispickeln liegt?

Das Training für die Eiskletter-Weltcups ist ziemlich speziell und eine eigene Wissenschaft für sich. Beim Eistraining wird sehr viel simuliert, da es bis Mitte Dezember meistens wenige Möglichkeiten gibt, an richtigem Eis zu trainieren. Somit besteht ein Großteil aus Trockentraining, bei dem ich mit den Eispickeln an speziellen Griffen bzw. Holzeiszapfen klettere um die Belastung nachzustellen. Die Belastung bei Eiskletterwettkämpfen ist extrem hoch und das Training gewisser Muskelgruppen sehr wichtig. Die großen Muskeln im Oberkörper wie Rücken, Schultern und Bizeps werden beim Training sogar mehr belastet als bei einem reinen Felskletterer, dafür werden die Finger eher geschont. Umso stärker man ist, umso ruhiger führt man den Pickel, was bei heiklen und technischen Passagen oft über Sieg oder Niederlage entscheiden kann.

 

„Bevor man in eine
Eiswand oder einen
Wasserfall einsteigt,
sollte man sich über
die Verhältnisse im
Klaren sein“

 

Verbringst Du viel Zeit im Krafttraum oder nutzt Du, wie viele Deiner Kletterkollegen, das „automatische“ Training über den Fels oder beim Bouldern in der Halle?

Ich mache viele selbst kreierte Übungen, die von einfachen Übungen wie Klimmzüge, Dips oder Hangwaage abgeleitet sind, die man heutzutage vielleicht als altbacken ansehen mag und früher, in den Achtzigern, bei den Felskletterern sehr beliebt waren. Als Outdoorsportler versuche ich neben dem intensiven Training an der Boulderwand so viel wie möglich „draußen“ zu sein. Zurzeit gehe ich zweimal die Woche Felsklettern und trainiere fünfmal die Woche in der Halle bzw. auf meiner Boulderwand mit den Eisgeräten und am Campusboard. Zum Ausgleich steige ich dreimal die Woche auf mein Mountainbike. Im Winter ersetze ich das Felsklettern durch Eisklettern und das Mountainbike durch Skitouren.

In welchem Verhältnis sollte die Kraft zur Ausdauer stehen, wenn man den Sport erfolgreich betreiben möchte?

Ich würde sagen 50/50. Für kürzere Routen ist eine gute Maximalkraft wichtig, da oft kurze Passagen, sogenannte Einzelstellen, nur mit einer gehörigen Portion Kraft zu überwinden sind. Dagegen gibt es auch lange Kletterrouten, bei denen man ohne gute Ausdauer niemals den Ausstieg erreichen würde. Ein kompletter Kletterer hat ein ausgewogenes Verhältnis von Kraft zu Ausdauer. Dies gilt für Eis- und Felskletterer gleichermaßen.

Wie sieht Dein Training aus, wenn Du nicht am Berg oder in der Halle bist?

Ich liebe Mountainbiking, Skifahren, Skitouren und gehe auch ab und zu Laufen oder Langlaufen. Die Berge sind eigentlich immer Bestandteil meiner Freizeit und des Trainings. Wie viel Zeit verwendest Du in Deine Vorbereitung, wenn Du Projekte wie beispielsweise Deine Erstbegehung der steilsten Eisroute Europas am Pitztaler Gletscher, oder eine Tour wie in Japan auf den Hokkaido planst? Dafür trainiere ich nicht speziell. Durchs intensive Wettkampftraining bin ich für solche Herausforderungen gut gewappnet. Das ist oftmals eher eine logistische Challenge, was nicht gerade zu meinen Stärken zählt (lacht).

Felsen- und Bergrouten kann man vorab ausreichend studieren und planen, aber Eis bildet sich immer wieder neu und eine genauere Begutachtung kann erst kurz vor der geplanten Tour vorgenommen werden. Worin liegt die Schwierigkeit, das Eis zu „lesen“?

Das Lesen oder die Einschätzung der Eisqualität braucht sehr viel Erfahrung. Parameter wie Temperaturverlauf, Eisaufbau, Untergrund, Luft,- Schneeeinschlüsse, Lawinengefahr, usw. gilt es genau zu berücksichtigen. Bevor man in eine Eiswand oder einen Wasserfall einsteigt, sollte man sich über die Verhältnisse im Klaren sein. Mittlerweile habe ich auch kein Probleme damit umzukehren, wenn ich mir nicht zu hundert Prozent sicher bin. Auch ich lerne auf diesem Gebiet noch sehr viel von älteren Alpinisten.

Welche Besonderheiten bietet das Klettern auf gefrorenen Wasserfällen?

Beim Eisfallklettern braucht man sehr viel Geduld. Bedingungen ändern sich oft täglich – manchmal sind sie gut, manchmal schlecht – auf gute Verhältnisse muss man warten können. In der Natur lernt man Geduld fürs Leben.
Mentale Stärke ist unablässig für einen Bergsteiger. Wie trainierst Du das?

Ehrlich gesagt ist für mich der Schlaf, heißt, ausgeruht zu sein, die beste Vorbereitung. Da mache ich mir nicht so viele Gedanken. Selbstvertrauen und der Glaube an sich selbst sind das Wichtigste. Wenn man sich des Öfteren in Extremsituationen befunden hat, lernt man auch automatisch damit umzugehen.

Gab es Momente, in denen Du das Gefühl hattest, es könnte jetzt „knapp werden“? Wie geht man mental damit um – auch in Bezug auf kommende Touren?

Ich hatte schon öfters richtig Glück – Eisklettern bietet leider oft ein größeres Risiko. Vor fünf Jahren, während eines gemeinsamen Trainings, starb ein Freund von mir. Ein Teil eines Gletschers kollabierte und begrub ihn eineinhalb Meter neben mir – ich hatte Riesenglück und blieb unverletzt. Dieses Erlebnis hat mich sehr stark geprägt und mich viel vorsichtiger werden lassen. So etwas vergisst man nie!

Welchen alpinen Traum möchtest Du Dir noch erfüllen?

Wenn man über Träume spricht, gehen sie meist nicht in Erfüllung. Kein anderer Sport bietet so viel Potenzial für Träume und Ziele, wie das Bergsteigen. Aktuell konzentriere ich mich allerdings auf die kommende Weltcup-Saison.

Was kannst Du unseren Lesern empfehlen, wenn Sie mit dem Eisklettern beginnen möchten?

Der Einstieg ins Eisklettern erfolgt sinnvollerweise meist über das Felsklettern. Eine gute Basis am Fels erleichtert den Ein – bzw. Umstieg ins Eisklettern sehr. Den Besuch eines Eiskletterfestivals, von denen es in Europa mehrere gibt, kann ich jedem Rookie anraten. Dort gibt es wertvolle Tipps bei Workshops und Materialtests.