Fabian Cancellara gewann alles, was man gewinnen konnte. Die Füße hochlegen? Für den Tausendsassa aus Bern undenkbar!

Timm Kölln for GORE WEAR, February 2018 in Sanremo (Italy). Athlete: Fabian Cancellara

 

Der Eidgenosse trainiert für den nächsten Triathlon und tüftelt zusammen mit einem Sportartikelhersteller „an den besten Radklamotten der Welt“. Mit weniger will sich der ehrgeizige Ausnahmesportler nicht zufriedengeben. Porträt eines sportlichen (und wirtschaftlichen) Überfliegers.
Es gibt Sportler, die wissen nicht ganz, was sie nach ihrer Karriere
mit sich und ihrem neuen Leben so anfangen sollen. Deswegen machen die meisten erst mal gar nichts, schließlich haben sie jeden Tag für ihren Sport und ihren Traum gelebt. Sie haben geschwitzt, gerackert, geschuftet. Woche für Woche. Monat für Monat. Jahr für Jahr.
Und dann gibt es noch Fabian Cancellara. Der Schweizer hat in seinen 
17 Jahren als Rennradprofi alles gewonnen, was man gewinnen kann.
Bis auf die „Tour der Leiden“. Oder wie das Munzinger-Archiv gleich im ersten Satz schreibt: „Fabian Cancellara hatte nie auch nur ansatzweise die Chance, die Gesamtwertung der Tour de France zu gewinnen“, so die etwas nüchterne Schreibe der Datenbank-Dokumentare. Der Schweizer sei einfach nie ein Rundfahrer gewesen, dafür aber der beste Zeitfahrer und Triumphator bei den schwersten Eintagesrennen auf diesem Planeten. Immerhin. Am Ende werden die Munzinger-Männer für ihre Verhältnisse sogar noch fast überschwänglich: Cancellara gilt „als einer der besten Rennfahrer des neuen Jahrtausends.“ Mehr Lob geht nicht.
Verständlich, schließlich ist der Mann aus Bern Doppel-Olympiasieger Vierfach-Weltmeister, räumte insgesamt zehn Medaillen ab. Damit nicht genug: Die „Monumente des Radsports“, so werden die Radklassiker „Paris–Roubaix“, die „Flandern“-Rundfahrt und das Rennen „Mailand–Sanremo“ genannt, konnte der Mann, der erst mit zwölf Jahren zum Radsport kam, alle gewinnen. Das prestigeträchtige 250 Kilometer-Rennen „Paris-Roubaix“ sogar drei Mal. Noch heute erinnert ein Pflasterstein an Cancellaras „Triple“ auf der „Allée Charles Crupelandt“ im nordfranzösischen Städtchen Roubaix.

 

 
Bereits 2003, in seinem ersten Jahr, gewann Cancellara den Prolog (Zeitfahren) sowohl bei der „Tour de Romandie“ in der französischsprachigen Westschweizals auch bei der „Tour de Suisse“. Und gerade einmal ein Jahr später, es war seine erste „Tour de France“, ließ er Lance Armstrong (später siebenmaliger Sieger) beim Zeitfahren einfach mal stehen. Warum. Weil er es kann! Der „neue Miguel Indurain“  – so jubeltenschon die erstenRoadbike-Gazetten – donnerte auf der 6,1 Kilometer lange Strecke mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 53 Stundenkilometern (!) entlang. Eine Geschwindigkeit, die Hobby-Cyclisten nur dann erreichen, wenn es steil bergab geht.
Und in dem Tempo ging es weiter: 2006 triumphierte er bei „Paris-Roubaix“ und bezwang den Top-Favoriten Tom Boonen. Beim härtesten Eintagesrennen der Welt, ein Höllenritt über Millionen von unwegsamen Pflastersteinen, gewann er mit einer Minute Vorsprung. Cancellaras einfache wie plausible Erklärung:  “Je schneller ich fahre, desto weniger schmerzen die lästigen Pflastersteine bei der Hölle des Nordens.” Lob bekam Cancellara auch von Teamchef Bjarne Riis: “Die Art, wie Fabian gewonnen hat, zeugt von seiner ganz ganz großen Klasse.“ Die zeigte er ein paar Wochen später, als er sein erstes Gold bei einer WM gewann. 
Nicht viel anders war es in den kommenden Jahren: 2007 hieß der Weltmeister Fabian Cancellara, ebenso 2009. Der Schweizer ließ der Konkurrenz einfach keine Chance. Oder wie es die Cycling-Postille „Radsport“ schrieb. “Düsenjet gegen Segelflieger. Cancellara fährt alle in Grund und Boden!” Selbst dann, als einige schon meinten, Cancellara hätte seinen Zenit längst überschritten, räumte er allesab. Der Halb-Italiener blühte an der heißen Copa Cabana 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro erst so richtig auf und holte im Einzelzeitfahren (wieder einmal) Gold. Im stolzen (Renten-)Alter von 35 Jahren! Nach 54,5 Kilometernverwies der eidgenössische Senior die beiden Top-Favoriten Tom Dumoulin und Chris Froome auf die hinteren Plätze. “Dieser Sieg überragt wirklich alles“, schluchzte Cancellara nach dem Sieg. „So meine Karriere zu beenden, ist mehr, als ich mir jemals vorstellen konnte.“

 

Timm Kölln for GORE WEAR, February 2018 in Nice/Nizza (France). Athlete: Fabian Cancellara

 

Auch sportlich bleibt der Berner nach seinem Karriereende auf der Überholspur. Cancellara wird an einigen Triathlon-Wettkämpfen sowie an seiner nach ihm benannten Rennserie „Chasing Cancellara“ teilnehmen. Dabei haben begeisternde Hobby-Pedaleure die Möglichkeit, sich mit dem Mega-Star aus Ittingen (Bern) zu messen. Bei den VeranstaltungenstehenSpaß und Vergnügen im Vordergrund. Ausreden haben die Hobby-Radfahrer keine. Es gibt verschiedene Formate in vier Ländern und insgesamt acht Events. Wann gibt es alsoschon Mal die Möglichkeit sichmit einem Vierfach-Champ sich zu messen?

Cancellara steht selbstverständlich immer am Start. Der Schweizer Düsenjet gibt schließlichimmer Gas. Jede Sekunde.
Jede Minute. Jeden Tag. Einfach immer.