Gerhard Gulewicz – Zum 10. Mal beim härtesten Radrennen der Welt

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Auf 4.800 Kilometern, größtenteils einfach nur geradeaus durchs Nichts, hast du viel Zeit zum Nachdenken. Eigentlich. Aber wenn es darum geht, so schnell wie möglich von der amerikanischen Ost- an die Westküste zu strampeln, dann kreisen deine Gedanken um nichts anderes als „fahren, essen, schlafen, fahren, essen, schlafen…”. Das Race Across America gilt als das härteste Radrennen der Welt. Ein unvergleichliches Abenteuer. Eine Extremerfahrung jenseits des normalen Menschenverstandes. Der Österreicher Gerhard Gulewicz gibt sich dieses mörderische Erlebnis im Juni zum zehnten Mal. Er hat Unfassbares geleistet in seinen bislang neun Teilnahmen, ein Sieg bei dem prestigeträchtigen Rennen fehlt ihm aber noch. Er war ein paar Mal nahe dran, und gerade das gibt ihm Hoffnung, dass sein großer Tag noch kommen könnte – auch wenn er beim diesjährigen Start schon 48 Jahre alt sein wird. Nie aufgeben, auch wenn alle anderen den Kopf schütteln: das ist die alte Schwarzenegger-Schule, die du als Halbstarker in Österreich vor 30 Jahren aufgesaugt hast wie ein Schwamm. Gerhard Gulewicz drängt sich also geradezu auf als Interviewpartner zum Thema Motivation! Wir haben mit ihm gesprochen – und erfahren, dass positive Selbstgespräche ein Schlüssel zum Erreichen großer Ziele sein können…

Gerhard, du wirst diesen Monat 48. Du bist das Abenteuer Race Across America schon neunmal angegangen, warst mehrmals nahe dran, es zu gewinnen, hast das aber bislang nie geschafft. Glaubst du wirklich, dass es noch klappen kann?
Ich habe ganz klar das Ziel, das Rennen zu gewinnen. Momentan ist ein sehr starker Fahrer aus Österreich, Christoph Strasser, besser. Wenn der keine Fehler macht und sein normales Level abruft, müsste er gewinnen. Was aber nicht heißt, dass nicht auch er zu besiegen ist. Es kann viel passieren auf 4.800 Kilometern. Sobald ich mir selbst die Frage nach dem Misserfolg stelle, impliziere ich ja ein mögliches Scheitern. Deshalb denke daran gar nicht. Einerseits müssen die Ziele, die wir uns setzen realistisch sein. Dennoch heißt es ja: Wer Großes denkt, wird Großes erreichen. Das ist immer eine Gratwanderung.

Denken wir zu sehr in Zielen?
Man ist schnell motiviert, wenn man ein Ziel hat. Aber letztlich fehlt es vielen Menschen an Durchhaltevermögen, diese Ziele auch zu erreichen. Auf diesen Parameter habe ich mich spezialisiert, habe eigene mentale Techniken entwickelt. Ich habe immer nach dem Prinzip gearbeitet, die Dinge zu vereinfachen. Die Dinge sollen umsetzbar sein. Das Wissen, welches ich aus meinem Rennen ziehe, möchte ich in andere Bereiche ein fließen lassen, deshalb halte ich Vorträge und Seminare zu den Themen Zielsetzung und Motivation.

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Welche Mentaltechniken wirken besonders gut?
Denkst du in Lösungen, dann wirst du Lösungen finden.Denkst du in Problemen, dann wirst du Probleme finden. Wir programmieren uns tagtäglich mit Selbstgesprächen. Wir sprechen am Tag zwischen 30.000 und 50.000 Wörter mit uns selbst. Und diese Wörter stehen in einer engen Wechselwirkung mit unserer Einstellung, und so letztlich auch mit unserem Handeln. Gehe ich mit mir positiv um bin ich dementsprechend motiviert. Ich sage mir vor einem Training oder Rennen nie „ob du das jetzt wiedder schaffst? Das geht bestimmt nicht“. Das ist für mich eine der wichtigsten mentalen Techniken, diese positive Grundstruktur, der positive Umgang mit sich selbst.

Lässt sich das lernen, oder ist unsere Grundeinstellung schon mehr oder weniger angeboren?
Natürlich lässt sich das lernen. „Ich darf“ ist ein entscheidender Satz. Den können wir in unzähligen Situationen üben. Wenn du abnehmen willst, dann geh in den Supermarkt und erlaube dir, eine Tafel Schokolade zu essen. In dem Moment, in dem deine innere Stimme sagt „ich darf das ja, aber es wäre doch eigentlich ganz cool, wenn ich einen Apfelessen würde“,hast du es verstanden. Du wirst merken,dass du dieSchokolade irgendwann gar nicht mehr brauchst und automatisch zum Apfel greifst. Du hast dabei sogar noch ein gutes Geühl, denn du hät-test ja auch die Schokolade nehmen dürfen. So trickst du dein Unterbewusstsein aus. Verbote sind schwierig. Das ist wie bei kleinen Kindern, für die ist das Verbotene auch besonders reizvoll. Sage dir „Ich darf trainieren”, nicht „Ich muss trainieren”. Wie viele Menschen gibt es, denen das nicht vergönnt ist. Erlaube dir, Erfolg zu haben.

Wie wichtig ist es, ein Umfeld zu haben, das uns motiviert und nach vorne pusht?
Jeder Mensch ist selbst sein bester Motivationstrainer. Es ist gut, dass es Menschen gibt, die das beruflich machen, aber letztlich braucht du eigentlich niemand. Zumindest nicht derjenige, der sich selbst positiv erzieht. Man muss kein Guru werden und von morgens bis abends mit einem Lachen im Gesicht herumlaufen, aber man muss sich selbst auf den richtigen Weg bringen. Dann geschehen gute Dinge von allein. Positive Menschen ziehen positive Menschen an. Und profitieren dann wieder voneinander. Es passieren plötzlich Dinge, die Außenstehende vielleicht sagen lassen: „Du bist ein Glückskind, dir fällt alles zu.” Mit Zufall hat das aber nichts zu tun.

Hast du Vorbilder?
Für mich ist zum Beispiel Walt Disney ein großes Vorbild. Er ist zu über 100 Banken gelaufen, um sich Geld für eine seiner Ideen zu beschaffen. Normalerweise sagt man nach drei bis vier Gesprächen „Okay, ich lass es!“Aber er hat einfach nicht aufgegeben. Es gibt unzählige Beispiele von Menschen, die weitergemacht haben, wenn andere längst aufgegeben hätten. Arnold Schwarzenegger war auch so einer. Was dieser Mensch aus seinem Leben gemacht hat, bei allen Höhen und Tiefen, das ist imposant. Der Typ hat einfach immer an das geglaubt, was er getan hat, immer hundert Prozent gegeben, auch über die Schmerzgrenze hinaus. Er hat seine Ziele „bester Bodybuilder der Welt und bestbezahlter Schauspielerder Welt“ erreicht. Sogar in der Politik war er erfolgreich. Viele haben gelacht, aber er hat es geschafft. Deshalb hinterfrage ich mich immer selbst und schaue, ab welchem Punkt ich ein Ziel tatsächlich nicht erreicht habe oder nicht mehr erreichen kann. Meist gibt es noch keinenwirklichen Grund, aufzuhören.

Zurück zum Race Across America. Wird es nicht jedes Jahr schwerer, das Rennen zu gewinnen?
2006, bei meinem ersten Start, waren wir nur dreizehn Fahrer. Damals wollte keiner seine Erfahrungen preisgeben. Heute treten 40 bis 45 Fahrer an. Und die haben kaum noch Geheimnisse. Ein Neuling braucht nur gut zu recherchieren und kann allein über das Internet unglaublich wertvolle Informationen sammeln. Diesen Vorteil hatte ich damals nicht. 2007 bin ich als Greenhorn trotzdem bereits auf den 3. Platz gefahren, lag nur fünf oder sechs Stunden hinter dem Sieger. Jetzt bin ich der einzigeFahrer, der dieses Rennen unter neun Tagen absolviert, es aber noch nie gewonnen hat. Die Organisatoren machen da schon mal den einen oder anderen Scherz. Es war einfach immer einer da, der mir die Sahne vom Kaffee weggenommen hat. Nun kann ich entweder sagen, ich laufe einem Ziel nach, das ich nicht erreichen kann. Oder ich sage mir „meine Zeit wird kommen, ich halte daran fest.” Ich habe ja zum Beispiel Erfahrung wie kein zweiter. Ich habe alles erlebt auf der Strecke. Vielleicht kommt das Jahr, in dem diese Erfahrung den Ausschlag gibt.

Wo liegt denn für dich noch Potenzial? Wo kannst du noch was rausholen, um schneller zu werden?
Das Rennen ist über die Jahre wirklich zu einem Radrennen worden. Es wird nicht mehr belächelt und ist keine verrückte Challenge mehr, wie früher. Heute musst du, um vorne mitzufahren eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 km/h an den Tag legen, Schlafpausen eingerechnet. Wir trainieren im Windkanal, um die beste Position auf dem Rad zu finden. Wir berechnen und optimieren die Schlafpausen, entwickeln die perfekte individuelle Renntaktik. Alles ist viel professioneller. Früher haben wir gesagt: Komm, ich fahre 40 Stunden und schlafe dann zwei. Diese Zeit ist vorbei. Ich habe zum Beispiel gelernt, das Einschlafen zu steuern. Ich „erlaube“ mir quasi das Schlafen. Ich sage mir „Ich schlafe tief und fest.“ Das funktioniert irgendwann und lässt sich im Rennen wieder abrufen.

DVD_Extremsport_Attention_A_Life_in_Extremes_finalDiesen Sommer erscheint die DVD „Attention: A Life in Extremes”, in der auch dein brutaler Kampf gegen dich selbst beim Race Across America gezeigt wird. Wie ist es, sich selbst leiden zu sehen?
Mir gefällt der Film sehr, sehr gut. Der Regisseur Sascha Koellnreitner, der mich mehrere Jahre beim Race Across America begleitet hatte, wollte wissen, ob ich beim Schnitt dabei sein möchte. Ich sagte nur: „Das ist dein Film. Schneide ihn so, wie du möchtest. Ich habe dann die Weltpremiere in Kitzbühl gesehen. Das war sehr beeindruckend. Der Film ist kein Helden-Epos,das gefällt mir. Es gibt so viele Sportler auf der Welt, die noch krassere Dinge machen. Viele werden dann in den Olymp gehoben, als wären sie Übermenschen. Das einzige, was wir Extremsportler besser können, ist mit Extremsituationen besser umzugehen. Wir haben unsere Nerven besser im Griff. Weil wir es geübt haben in unzähligen Situationen. Letztlich sind wir ganz normale Menschen mit ganz normalen Problemen. Das sollen die Leute sehen.“

Du hast früher ambitioniert Bodybuilding gemacht.Welche Erinnerungen hast du an die Zeit?
Das Gefühl, schweres Eisen gehoben zu haben, den Pump, wenn das Blut in die Muskeln schießt, das werde ich immer positiv in Erinnerung behalten. Es war genial, nach einem guten Workout aus dem Studio zu gehen und die eigenen Muskeln zu spüren. Wenn ich heute auf einen steilen Berg hinauffahre und merke, dass es mir leicht fällt, dass ich geradzu fliege, dann ist das ein ähnliches Geühl. Aber natürlich versuche ich heute, meine Muskelmasse möglichst gering zu halten.“