Posted On 12/03/2012 By In Gesundheit With 575 Views

GRENZWERTIG Aus dem Leben eines Dopingdealers


PARALLELWELT LEISTUNGSSPORT

Von 2004 bis zu seiner Verhaftung im April 2009 versorgte der frühere Leichtathlet Stefan Matschiner Spitzensportler in ganz Europa mit allem, was das Athletenherz begehrt – und verboten ist. Als erster Hintermann der Dopingszene, gibt Matschiner, „die Spinne im Dopingnetz“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung), seine Machenschaften und Methoden preis, und weiht den Leser akribisch in die Geheimnisse des Blutdopings ein. Er entlarvt Funktionäre, Politiker und Medien als Mitwisser und Mittäter und deckt damit ein Netz voller Lügen auf. Nie zuvor hat ein Buch so tiefe Einblicke in die Realität des Dopingmissbrauchs im Spitzensport gewährt. Matschiner zeichnet in seiner Biografie ein schonungsloses Bild der Parallelgesellschaft Leistungssport, in welcher Selbstbetrug und der Betrug am sportlichen Rivalen an der Tagesordnung sind. MF zeigt in dieser und der nächsten Ausgabe, erste Ausschnitte aus dieser spannenden und unglaublichen „Beichte“. Von Stefan Matschiner

Der Griff in die Trickkiste D-O-P-I-N-G. In den ersten achteinhalb Jahren meiner Karriere spielten die sechs Buchstaben eine völlig untergeordnete Rolle. Zunächst schafften sie es nicht einmal in meinen aktiven Wortschatz, dann geisterten sie irgendwo an der Peripherie meiner Gehirnwindungen herum. Ich kann nicht für mich in Anspruch nehmen, dass ich das Thema aus moralisch-ethischen Gründen weitgehend ausgeblendet habe, vielleicht fehlte es schlicht an der Gelegenheit. Denn der Gedanke, wie die eigene Leistung eine Steigerung erfahren könnte, kreist im Kopf jedes Athleten wie ein Aasgeier um seine Beute. Und so sammelte auch ich Erfahrungen mit so manch obskurem Experiment. Manches fernab, das eine oder andere bedenklich nah an der Schwelle des Unerlaubten. Ich hantierte mit Koffeintabletten, versuchte es mit drei Dosen Red Bull vor dem Start, organisierte mir gemeinsam mit einem Studienkollegen in Memphis aber auch Ma Huang – damals noch legal in allen Vitamingeschäften der USA frei erhältlich. Später waren die Extrakte der chinesischen Meerträubel aufgrund der hohen Konzentration natürlichen Ephedrins für eine Reihe positiver Dopingtests verantwortlich. Dass ich im August 2000 die Grenze des Tugendhaften frohen Mutes und ohne mit mir zu ringen überschritt, war dann aber doch eine völlig neue Qualität der Leistungsbeeinflussung.

Hatte ich eine andere Wahl? Die hat man immer. Der Leistungsdruck war vermutlich nicht größer als bei jedem anderen Athleten. Wenngleich auch im allernächsten Umfeld spürbar. Die Hoffnung, diesen nicht hinnehmbaren Zustand ausschließlich aus eigener Kraft aus der Welt zu schaffen, war zu diesem Zeitpunkt bereits auf den Nullpunkt gesunken. Mein Zugang zu der Doping-Materie war kein naiver, ich war gut genug informiert um zu wissen, dass ich mir durch die pharmakologische Unterstützung nicht eine einzige Trainingseinheit ersparen würde. Ganz im Gegenteil: Testosteron und alle artverwandten Mittelchen sorgen dafür, dem Körper mehr Training abverlangen zu können. Doch erst dieses zusätzliche Training bringt den heiß ersehnten Effekt – mehr Leistung, mehr Erfolg, mehr Anerkennung, mehr von allem. Wie Sie merken, habe ich alle Trainingstorturen überlebt. Man kann die mentale Kraft, die man daraus schöpft, kaum beschreiben. Und so nahm ich in der zweiten August-Hälfte 2000 erstmals – verstohlen – ein Päckchen mit verbotenem Inhalt von einem Dopinglieferanten entgegen. Über den Weg gelaufen war mir der Dealer (Paris) zum ersten Mal rund einen Monat davor – auf einer Messe am Rande des Ironman Austria in Klagenfurt. Wir waren rasch beim Thema und am Ende des Gesprächs stand das Angebot, mir mit dem einen oder anderen »Beinemacher« unter die Arme zu greifen.

Business Nachdem ich genug Erfahrung gesammelt, und gleichzeitig die notwendigen Kontakte in der „Szene“ aufgebaut hatte, beschloss ich 2004, mein eigenes Unternehmen zu gründen und änderte die Unternehmensphilosophie grundlegend. Zum berechnenden Sklaventreiber taugte ich zwar immer noch nicht, aber der Kuschelkurs, gepaart mit explodierenden Kosten, gehörte der Vergangenheit an. Ich wollte zufriedene Athleten, aber vor allem einen zufriedenen Manager, dem am Ende des Tages auch ein paar Euro übrig bleiben sollten. Das Feedback aus der Szene war positiv, man hatte Interesse daran, kein Vakuum, keine Versorgungsengpässe entstehen zu lassen. Ich musste nicht um meine Kundschaft buhlen, sie kam auf mich zu. Mir war eine Marktnische in den Schoß gefallen, für die keine Werbung, kein Marketing und keine PR nötig waren. Je länger ich darüber nachdachte, desto verlockender erschien mir die Verknüpfung der beiden Geschäftsfelder. Sport- und Dopingmanagement in einer Hand. Eigentlich genial. Warum ist da vor mir nie einer draufgekommen?

Timing Mitte 2003 wurde grünes Licht gegeben, und zumindest ein Teil der Transfusionsmedizin war dem österreichischen Ausdauersport plötzlich gewogen. Auch wenn es kein offizieller Auftrag der TGORPE-SNHZOWTESRTIG mensfitness.de/JUNI 2011/ 73 Staatsmacht war – das große Blutspenden konnte beginnen. Die ersten Kunden mussten vielmehr zuerst sich bzw. ihre weißen Blutkörperchen von allerlei verfänglichen Indikatoren reinwaschen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es war das Zeitalter der mit Nandrolon kontaminierten Testosteronpräparate, Verzeihung, …der verunreinigten Nahrungsergänzungsmittel. Mehr als ein Jahr später übernahm ich bei Humanplasma die organisatorischen Agenden in Sachen Leistungssportunterstützung und sorgte durch meine Klientel, die ich in die Kooperation einbrachte, für eine kontinuierlichere Belegung.

Schwester Andrea Wenn an den Sonntagmorgen, in der Alserbachstraße 18 in Wien, die Plasmapherese-Station geschlossen war, verrichtete Schwester Andrea die Knochenarbeit an den exklusiveren »Patienten«. Schwester Andrea konnte ganz schön schroff sein, wenn man sie nicht zu nehmen verstand. Ich hingegen, blieb höflich, charmant, aber bestimmt und hatte bis zum Ende der Geschäftskontakte das beste Einvernehmen mit ihr. Auch mit dem verantwortlichen Professor gab es keine Reibungsflächen. Warum hätte es die auch geben sollen. Ich sorgte dafür, dass alle Liegen pünktlich belegt waren. Speziell bei meinen Schützlingen im Radlager war nicht die geringste Überzeugungsarbeit zu leisten, man war vom ersten Augenblick an Feuer und Flamme. Im Oktober, November und Dezember 2004 war jeweils eine Abnahme für meine Klientel anberaumt. Die in den Medien häufig strapazierte McDonald’s-Filiale, in Sichtweite der Plasmapherese-Station, spielte dabei eine untergeordnete Rolle, lediglich vor der Premiere holte ich das Häuflein Blutspender dort ab, damit keiner verloren ging. Ich hielt es für unnötig, besondere Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, noch viel sorgloser ging aber so mancher Athlet mit der ungewohnten Situation um. Bernhard Kohl etwa parkte, bei seinem Humanplasma-Debüt sein in schmuckem

Der Stoff, aus dem die Träume sind Universitätsprofessor Dr. Norbert Bachl, Leiter des Zentrums für Sportwissenschaft und Universitätssport in Wien, hat in einem ORF-Interview 2009 sinngemäß gemeint, dass Doping, über längere Zeit und in hohen Dosierungen angewendet, zu gesundheitlichen Schäden führen kann. Über längere Zeit UND in hohen Dosierungen. Die externe Zuführung von Dopingmitteln in Form von Hormonen und dergleichen, bedeutet selbstverständlich einen Eingriff in den körpereigenen Hormonkuchen. Modernes Doping jedoch wird eine dauerhafte Veränderung nie in Kauf nehmen, betreiben, oder gar zum Ziel haben. Gravierende Nebenwirkungen wären die unausbleibliche Folge. Ich distanziere mich daher klar von Dopingpraktiken, wie sie in den achtziger Jahren Usus waren. Ich selbst habe Doping immer als Unterstützung gesehen. Als Unterstützung der Regenerationsfähigkeit, wodurch der nächste Belastungshöhepunkt im Training früher gesetzt werden kann. Doping per se macht nur in wenigen Ausnahmefällen schneller, stärker oder was eben in der jeweiligen Disziplin gefragt ist. Es ermöglicht in der Regel mehr Training und führt auf diesem Umweg zur Leistungssteigerung. Zu dopen bedeutet auch nicht, sich irgendetwas leichter zu machen. Die Qualen im Training bleiben die gleichen, nur eben auf einem höherem Leistungsniveau. Zu den Ausnahmen zählen EPO, alle Formen des Blutdopings und einige Stimulanzien. Und noch etwas gilt auch für das Doping: Weniger ist mehr. Daher, so wenig Doping wie möglich, aber so viel wie nötig. Leider haben nur die wenigsten diese Botschaft verstanden. Jene 20 Prozent, die diese Botschaft begriffen haben, schafften es, sich über einen langen Zeitraum an der Spitze zu halten. Magenta gehaltenes, T-Mobile-gebrandetes Auto direkt vor dem Humanplasma-Eingang in der Alserbachstraße. Exakt einen Tag, bevor das gesamte T-Mobile-Team in Wien präsentiert wurde. Und nicht wenige fragten sich an jenem Montag, wie es möglich sein könne, dass ein Radprofi gegen einen gut trainierten, aber voll berufstätigen T-Mobile-Mitarbeiter im Rad-Simulatortest verlieren könne. Die Antwort: Weil er sich keine 24 Stunden zuvor 360 Gramm Erythrozytenkonzentrat abzapfen hat lassen. Rund ein Fünftel der verfügbaren Gesamtmenge im Körper. Im dritten Stock ging alles sehr
routiniert zu, jeder Handgriff saß und selbst bei unvorhergesehenen Vorkommnissen war Schwester Andrea im Handumdrehen Frau der Lage. Wie etwa, als ein Konsument beim ersten Besuch beim Anblick, der gar nicht so filigranen Nadel, kurzerhand kollabierte – zur großen Erheiterung seiner benachbarten Blutspender.

Helden der Strasse? Es war wohl schon März oder April, als die Blutzentrifuge im 3. Stock der Alserbachstraße 18 nach der kleinen, unfreiwilligen Schaffenspause wieder angeworfen wurde. Allerhöchste Zeit, wenn man sich als Radsportler einen Vorrat für die Tour de France im Juli anlegen wollte. Und das wollte „man“. In diesem Fall: drei Herrschaften mit klingenden Namen, die die eineinhalbstündige Flugzeit vom Sitz ihres Radteams nur allzu gern investierten, um sich für die »Große Schleife« zu wappnen – zum Leidwesen meiner Frau Sonia, die mich auf dem Trip begleitete. Ich hatte sie gebeten, einen Blutbeutel nah am Körper zu tragen, diesen ein wenig zu erwärmen, um die anschließende Infusion für den Helden der Landstraße etwas angenehmer zu gestalten. Es hatte für Außenstehende in der Tat etwas Gruseliges an sich. Ich betrat das riesige Hotel, in dem drei oder vier Teams untergebracht waren. Ich führe das Nichteinschreiten des Sicherheitspersonals auf mein Auftreten zurück, kreuzte ich doch als Geschäftsmann verkleidet auf. Unglaublich, wie einfach es war, sich bei einer der bedeutendsten Sportveranstaltungen der Welt, Zutritt zum Allerheiligsten zu verschaffen – dem Quartier der Athleten. Als ob es noch einer Bestätigung meines totalen Triumphes bedurft hätte, teilte ich die Liftkabine mit einem, dem man nachsagt, er hätte meine Lieferung wohl auch zu würdigen gewusst: Lance Armstrong. Wie gerne hätte ich ihn angesprochen, ein wenig fachgesimpelt, …und ein Angebot unterbreitet.

Der Kick Jeder hatte es verdient, mit gleichen Waffen gegen die ach so saubere Konkurrenz zu kämpfen. So tickte ich damals. Und was wäre wohl ein überzeugenderes Argument für den Beginn einer neuen Geschäftsbeziehung, als einem Abnehmer seine »Ware« unter denkbar schwierigen, ja gefährlichen Bedingungen pünktlich zu liefern. Ich behaupte, nicht viele hätten sich damals darauf eingelassen, ein paar Tage nach den Razzien mit einem Blutbeutel, der ganz offensichtlich nicht für medizinische Zwecke bestimmt war, in der Region Sestriere aufzukreuzen. Harakiri mit Anlauf nennt man das wohl. Dass mir dieser Kick zusätzlichen Spaß bereitete, will ich gar nicht abstreiten. Für mich galt es nun, das Risiko weitestgehend zu minimieren. Nachdem ich einen Fiat Idea, mit italienischem Kennzeichen, angemietet hatte, kämpfte ich mich wenige Stunden später schon die Serpentinenstrecke zu den nordischen Wettkampfstätten hinauf. Noch am gleichen Abend steckte ich die Apparatur zusammen. Keine große Affäre bei dieser Art von Beuteln. Man bringt ihn auf Körpertemperatur, hängt das Transfusionsbesteck an, lässt die Luft raus und verbindet dann Butterfly-Nadel und Besteck. Aus den Überbleibseln der Aktion bastelte ich ein kleines Paket, umwickelte es mit Tape und entsorgte die Blutdoping-Rückstände, indem ich sie, während der Heimfahrt durch Italien, eine Böschung hinunterwarf.

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