IRONMAN FRANKFURT: Der Selbstversuch

Der Ironman - das Traumziel aller Triathleten? Oder, wie Gilbert Wilks findet, nur was für Leute, die als Kind nicht genügend beachtet wurden. Dann stürzt er sich ins Training.

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Lange Zeit hatte ich über den Sinn meines Lebens nachgedacht. Warum bin ICH da? Aber Gott
hat sich nicht gemeldet und so mußte ich irgendwann einsehen, daß mein Leben vermutlich keinen
tieferen Sinn hat. Ich bin grundlos da. Es ist vollkommen egal, ob ich da bin oder nicht. Doch dann ist mir auch der Vorteil klar geworden: Die Freiheit, den Sinn meines Lebens selbst zu bestimmen. Das Warten auf die Offenbarung hat ein Ende. Ich kann meine Biographie selbst schreiben. Nichts ist vorherbestimmt, alles möglich.” 

Aber warum nun gerade Triathlon und dann noch gleich über die Ironmandistanz? Ich behaupte
mal, alle Triathleten haben psychische Probleme. Es sind Menschen, die als Kind nicht genug
beachtet wurden. Es sind Menschen, die etwas beweisen wollen, sich selbst oder Anderen, die nach Anerkennung und Bewunderung lechzen. Das ist der Antrieb, die Motivation. Kein normaler Mensch würde sich das antun.
Dazu bin ich noch leidensfähig, ehrgeizig, ausdauernd und diszipliniert. Also ist Triathlon genau das Richtige für mich.

 

Vorbereitung nebenher?
Nachdem sich nun der Gedanke in meinem Kopf festgesetzt hatte, war die Umsetzung zu klären.
Bei meiner Recherche bin ich auf das Buch von Ole Petersen „Ironman, das 8 Stunden Programm“
gestoßen und es wurde zu meiner Bibel. Das Buch gibt Trainingspläne vor, die genau auf berufstätige
Spinner wie mich zugeschnitten sind. Es zeigt den möglichen Weg vom Anfang bis ins Ziel.
Anfang Januar 2017 stand der Entschluss fest, am 8 Juli 2018 beim Ironman in Frankfurt zu
starten. Das Ziel war definiert und der Weg dahin klar.


Wenn man ein neues Ziel hat will man meistens alles sofort, ist ungeduldig und übermotiviert. Aber
dann wird man schnell von der Realität gestoppt. 20 Minuten laufen waren für mich anfangs eine
Quälerei, am nächsten Tag tat mir alles weh.  Wie überstehe ich die nächste Train-
ingseinheit … oder gar einen ganzen Marathon?!

Beim Schwimmen konnte ich auf alte Reserven zurück greifen, da waren schon am Anfang 2000 m drin. Doch nach der ersten Radeinheit habe ich meinen Hintern nicht mehr gespürt. Da half nur der Tunnelblick in Kombination mit der Scheibchenmethode. Wichtig ist es die aktuelle Trainingseinheit in den Tag zu integrieren und zu absolvieren. Der Ironman mit seinen anfangs unvorstellbaren Entfernungen ist das Bild, dem man jeden Tag ein neues Puzzleteil hinzufügt.
Doch es galt auch die anfängliche Euphorie so lange wie möglich mitzunehmen und dann immer
wieder durch Visualisierung neu zu entfachen, immer wieder den Einlauf ins Stadion gedanklich
durchzuspielen. Die Zuschauer jubeln und man fällt glücklich in die Arme seiner Liebsten.

 

Wechselbad der Gefühle
An manchen Tagen fühlte ich mich unbesiegbar, die Endorphine rasten durch meinen Körper. An anderen Tagen bin ich über den Asphalt geschlichen, alles tat mir weh, ich hätte heulen können und wollte eigentlich nur aufhören. Das muss man durchstehen. Die glücklichen Tage gibt es nicht ohne die Quälerei. Gefühle basieren auf Kontrasten.
„Der Anfang ist am Schwersten, danach kann es nur besser werden.“ Dieser Sinnspruch von
Stephen King aus dem Buch „Das Leben und das Schreiben“ gilt nach meiner Erfahrung für alles,
was anstrengend ist und man gerne vor sich her schieben würde. Mit jedem Tag, jeder Trainingseinheit
wurde das Weitermachen leichter und das Aufhören schwerer. 

 

Der frühe Vogel fängt den Wurm
Im Laufe der Zeit habe ich festgestellt, dass es hilft, das Training so früh wie möglich am Tag zu absolvieren. Dann hatte ich es hinter sich und fühlte mich den Rest des Tages gut. Auch sollte man
nicht lange über eine anstehende Trainingseinheit nachdenken, sondern einfach starten. Nach
kurzer Zeit beginnt der Flow oder der Ehrgeiz ist geweckt. Manchmal hat man Glück und eine hübsche
Joggerin läuft vor einem her und man kann sich mit der Betrachtung der Rundungen ablenken. Oder auf der Nebenbahn schwimmt ein Bikinimodel, auf das man bei jeder Begegnung einen Blick werfen kann. Das ist motivierend und lenkt von den Schmerzen ab.

Ironmantraining bedeutet Einsamkeit. Man muß sich selbst genügen. Man ist mit sich und seinen Gedanken allein. Aber das ist auch die Chance nachzudenken. Beim Training an der frischen Luft ist der
Kopf klar und nichts stört den Gedankenfluß. Der beste Nährboden für gute Ideen. Nach meiner
Einschätzung ist es für ein erfolgreiches Training Grundvoraussetzung, sich mit Gedanken von den
Schmerzen ablenken zu können. Mit diesen Hilfestellungen habe ich mich durch das erste Jahr gekämpft.

 

Die Pleite von Ottobeuren

Anfang Juli 2017 bin ich beim

Kurztriathlon in Ottobeuren gestartet. Das Ziel, „Wettkampfluft“ zu
schnuppern, hatte ich erreicht aber ansonsten war es eine Quälerei. Beim Schwimmen wäre ich fast abgesoffen und am ersten Anstieg war ich kurz davor vom Rad zu steigen. Naja, immerhin wurde ich nicht Letzter. 

 

 

Onwards and Upwards

Eines meiner Ziele war auch, die Entfernungen der Einzeldistanzen im ersten Trainingsjahr zumindest einmal zu absolvieren. Die 3,8 km Schwimmen hatte ich beim Training schon mehrfach geschafft. Der Sommerurlaub in Italien wurde genutzt um meine Grundlagenausdauer auf dem Rad zu verbessern und am Ende einmal die 180 km abgespult. Blieb nur noch der Marathon, vor dem ich am meisten Respekt hatte. Beim Radfahren hat man immer mal die Möglichkeit die Beine hochzulegen, aber beim Marathon geht das nicht. Mutig und euphorisch wie ich war hatte ich mich schon Anfang des Jahres für den München Marathon angemeldet, bei dem ich dann Anfang Oktober 2017 antreten musste. Nach der Pleite in Ottobeuren war das aber ein voller Erfolg: Erst auf den letzten 10 km musste ich mich quälen und mein Ziel, unter 4 Stunden zu laufen, hatte ich auch geschafft. Der Ironman schien nun wieder in greifbarer Nähe.


Lanzarote, Trainingspausen, die liebe Familie und der Triathlon am Chiemsee – Gilbert radelt, schwimmt und läuft weiter. Jetzt in Teil 2.