IRONMAN FRANKFURT: Der Selbstversuch Teil II

Gilbert Wilks strampelt 53 Stunden durch die Berge Lanzarotes, legt eine Zwangspause ein und versucht Familie, Arbeit und Training unter einen Hut zu bringen. Der Ironman Frankfurt rückt in greifbare Nähe.

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Triathlontraining bedeutet auch, ständig die bekannten Pfade zu verlassen. Alles ist neu, alles wird

zum ersten Mal gemacht. Die Angst vor dem Unbekannten muß immer wieder überwunden werden.

Aber nur so kann man neue Wege begehen. Und so bin ich etwas nervös Ende Februar 2018

in den Flieger nach Lanzarote gestiegen. 53 Stunden Radfahren in zwei Wochen war der Plan. Am

Anfang haben mir vor 500 Höhenmetern noch die Knie gezittert, aber am Ende bin ich die Ironman-

Lanzarote-Runde mit 2550 Höhenmetern geradelt. Es ist unglaublich, zu welcher Leistungssteigerung

der Mensch fähig ist. Jedes mal, wenn ich glaubte am Streckenhochpunkt zu sein, tauchte der nächste Anstieg hinter der Kuppe auf und jedes mal wenn ich glaubte, jetzt geht nichts mehr, habe ich es doch geschafft.

 

Alles ist Wille

„Alles ist Wille“ stand in Lanzarote auf dem Asphalt. Durch meine Lanzarotereise war es dann nicht mehr zu vermeiden, daß Freunde auf mein Vorhaben aufmerksam wurden. Meistens wurde ich ungläubig staunend angeschaut und interessiert ausgefragt. Aber ich mußte mir zum Beispiel auch anhören, daß Leute, die so etwas machen vor ihren Problemen davonlaufen. Man kann dies aber auch positiv sehen: Leute, die so etwas machen, schöpfen daraus Kraft und Selbstvertrauen, um ihre Probleme überhaupt meistern zu können. Kontrollierte sportliche Betätigung ist immer förderlich Schwierigkeiten zu überstehen. Vermutlich ist unterschwellig auch immer etwas Neid im Spiel. Kaum jemand versteht, warum ich das mache. Aber das ist mir egal. Ich mache es für mich.

Der Wettkampf rückt näher und die Trainingsumfänge nehmen zu. Strecken, die anfangs unvorstellbar

waren, werden langsam zur Routine. Und es tauchen neue Aufgaben auf:

Wie komme ich zu einem Neoprenanzug, welches Rad kaufe ich? Wenn man, wie ich, aus Kostengründen gebrauchte Sachen über das Internet kaufen will und sich in der Materie nicht so gut auskennt, muss man sich mit dem Risiko abfinden, nicht mit dem optimalen Material zu starten. Aber da es bei mir in erster Linie um das Finishen geht kann ich damit leben. Also habe ich mir zu den einzelnen Ausrüstungsgegenständen Informationen aus dem Internet geholt und dann in den einschlägigen Internetportalen zugeschlagen.

 

Generalprobe am Chiemsee

Um noch etwas Wettkampfroutine zu erlangen standen am 10. Juni der Triathlon in Bad Tölz über
die Olympische Distanz und am 24. Juni der Chiemsee Triathlon über die Mitteldistanz auf
dem Programm. Meine persönlichen Zeitziele habe ich erreicht. Frustrierend war allerdings, dass
meine Schwimmleistung deutlich besser ist, als mein Kräftevermögen auf dem Rad und zu Fuß.
Nach dem Schwimmen bin ich im vorderen Drittel aus dem Wasser getorkelt und wurde dann den
Rest des Rennens in das hintere Drittel durchgereicht … die waren bestimmt alle gedopt, viel
jünger und trainieren schon länger. Es hat mir geholfen mich gedanklich an die Regeln zu klammern:
ich muß mein Tempo halten, ich muß mir das Rennen kräftemäßig einteilen, in erster Linie
kommt es auf das Finishen an. Als letzter Vorbereitungspunkt steht nun noch der Streckencheck in
Frankfurt am kommenden Sonntag an. Dann ist die Vorbereitung abgeschlossen und der große
Tag kann kommen.

Wie bei jedem großen Vorhaben braucht man auch etwas Glück, um das Ziel zu erreichen. Für

mich hieß das konkret, es durften 18 Monate gesundheitlich, beruflich und privat keine Katastrophen

passieren. Das Glück habe ich gehabt. Trotzdem muss man die unvermeidlichen kleineren und mittleren Rückschläge überstehen:

Ende November hatte ich zu meinem Geburtstag eine Stirnlampe für die Laufeinheiten im Dunkeln bekommen. Die lag dann aufgeräumt im Schrank, als ich zwei Tage später beim „Nachttraining“ mit dem rechten Fuß falsch aufgekommen bin und meine Bänder angerissen sind … fünf Wochen Trainingspause. Ich war schwer enttäuscht und konnte es kaum ertragen auf dem Sofa zu sitzen.

 

Ein Triathlet hat immer das Gefühl zu wenig zu trainieren

Und dann konnte ich gar nicht mehr trainieren. Aber ich glaube, dass in allem Negativen

auch immer etwas Positives steckt, was man jedoch meistens erst später erkennt.

In meinem Falle wurde ich zu einer Trainingspause gezwungen, die in meinem Trainingsbuch stand, die ich ansonsten aber aus Ehrgeiz vermutlich nicht eingehalten hätte. Im neuen Jahr wurde ich dann

dreimal von einer Erkältung zurück geworfen. Der Körper ist durch die Anstrengungen geschwächt

und deshalb anfälliger für Krankheiten. Eine furchtbare Zeit voller Selbstzweifel. Jedes mal habe

ich das Training zu spät reduziert und vermutlich auch zu früh wieder begonnen. Es ist schwer in

so einer Situation vernünftig zu sein. Doch das Gute dabei ist, daß ich dann später wenigstens

eine Ausrede habe, falls ich die Hawaii-Qualifikation nicht schaffen sollte.

Es ist schwer, jeden Tag den inneren Schweinehund zu überwinden, aber wenn man dann auch

noch gegen den Widerstand der Familie kämpfen muß stößt man schnell an seine Grenzen. Anfangs

hat mir meine Frau noch zugeredet, aber als sie merkte, welchen Zeitaufwand ein solches

Ziel erforderte hat ihre Begeisterung nachgelassen. Sie toleriert nun mein Vorhaben ist aber froh,

wenn es vorbei ist. Wobei ich nicht ganz verstehe, was dann anders wird, weil in jedem Ende ein

Anfang innewohnt und neue Ziele erreicht werden wollen. Aber es ist leider so, einen Ironman oder

überhaupt ein Ziel kann man nur schaffen, wenn man in gewissem Maße auch egoistisch ist.

Wenn mich das schlechte Gewissen plagt rede ich mir ein, wenn ich mein Ziel verfolge geht es mir

gut und wenn es mir gut geht, geht es auch meiner Familie gut. Ich versuche als Ausgleich die

knapper bemessene, gemeinsame Zeit intensiver zu nutzen. Anstatt nebeneinander her zu leben,

die Anwesenheit der Familie als selbstverständlich zu nehmen wird die gemeinsame Zeit als das

erkannt, was sie ist, nämlich sehr wertvoll.

Im Rückblick war die Triathlonvorbereitung eine tolle Zeit. Aber leider muß ich einsehen, daß

Triathlon über die Langdistanz als Berufstätiger auf Dauer nur ernsthaft zu betreiben ist, wenn man

keine Familie hat. Für eine gewisse Zeit ist es schon möglich, das Privatleben zu vernachlässigen.

Aber wenn ich auf Dauer nur zum Wäsche wechseln nach Hause komme schmeißt mich meine

Frau irgendwann raus.

 

In Kürze ist es nun endlich soweit

18 Monate Training verdichten sich in einem Tag. Endlich darf ich mir meine Belohnung abholen. Mit den Worten eines unbekannten Finishers: „Nur für Minuten spürt man, warum man sich das antut, aber das ist es wert.

In meiner Phantasie stelle ich mir das erhabene Gefühl beim Start vor. Man platzt vor Kraft. Man ist unbesiegbar. Wie ein Gladiator, der in die Arena schreitet, wie ein Kämpfer, der in die Schlacht zieht. Früher haben die Männer im Kampf Ruhm und Ehre, ja Unsterblichkeit gesucht. Heutzutage, in unserer verweichlichten Mediengesellschaft ist der Triathlon ein ungefährlicher Ersatz.

Sicher könnte ich mich auf eine kürzere Distanz beschränken, aber wo bleibt da die Herausforderung, das Ziel? Das wäre nur ein erbärmlicher Ersatz. Und dann gibt es da noch so viele andere Träume, die zu Zielen gemacht werden möchten.


Ironman Frankfurt: Der Selbstversuch Teil I findet ihr hier