JP Auclair – Bleibt im Kopf

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Der Interviewpartner JP Auclair ist am 29.09.2014 verunglückt.

JP Auclair ist einer, der es geschafft hat: Sein Hobby ist sein Beruf. Als Freestyle Skifahrer tourt der gebürtige Kanadier um die Welt, dreht inspirierende Filme und wird von großen Marken wie The North Face und Armada gesponsert.

Beim Interview in München anlässlich der Premiere seines neuen Films Into The Mind sieht man ihm weder an, dass er die Mitte dreißig bereits überschritten hat, noch dass er auf zwei Brettern atemberaubende Stunts hinlegt – vor denen er, wie er sagt, jeden Tag mehr Respekt hat. Für den neuen Film von Sherpas Cinema hat Auclair nicht nur seine Künste als Skifahrer eingebracht, sondern auch selbst Regie geführt. Der Film inszeniert mit gewaltigen Bildern und surrealistischen Anklängen die Verbindung von Natur und Sportler und die menschlichen Grenzen. Auch die Stadt ist vor Auclairs Künsten nicht sicher – im Gedächtnis bleiben seine spektakulären Street Skiing Szenen, in denen er in bester Parkour-Manier das verschneite Calgary in der urbanen Dämmerung durchquert.

von Bernadette Gmal

 JP, wann hast du mit dem Skifahren angefangen und warum hat es dich so begeistert?

Mein Vater brachte es mir und meinem Bruder bei, als ich fünf Jahre alt war. Ich hatte das Gefühl, mich dadurch ausdrücken zu können, und es hat mir viel besser gefallen, als zur Schule zu gehen – dort habe ich mich nie so richtig wohl gefühlt. Als ich etwa zehn war, wurde ich richtig süchtig danach.

Wie kam es, dass diese Leidenschaft für dich zum Beruf wurde?

Das ist so nach und nach passiert, weil ich meine ganze Energie dafür aufgewendet habe. Ich hatte nie geplant, eine Karriere daraus zu machen. Ich war als Jugendlicher in der Fördermannschaft für das olympische Team und in den späten 1990er Jahren begann der Sport, sich zu verändern – eine neue Bewegung ohne die traditionellen Strukturen und ohne Wettbewerb entstand. Das lässt sich nur über Filme kommerziell nutzen und hat mich begeistert, weil ich dadurch meine kreative Seite ausdrücken kann. Es gibt kein vorgegebenes Schema und du kannst mit derselben Mentalität arbeiten, die du als Kind hattest – du siehst etwas und probierst es einfach aus. Das gefällt mir besser, als an Wettbewerben teilzunehmen, bei denen du dich an die Regeln halten und für die du bestimmte Tricks lernen musst. Deshalb habe ich irgendwann nur noch das gemacht.

Siehst du dich also auch als Künstler?

Ja es ist eine Mischung aus allem: das Abenteuer, in die Berge zu gehen, und die Vorbereitung für eine Tour sowie der athletische Aspekt, wenn du etwas Schwieriges schaffen willst. Doch am meisten motiviert mich tatsächlich der kreative Teil. Es ist eine seltsame Mischung aus Kunst und Sport, die mir sehr gut gefällt. Ich mag das lieber, als einfach nur gut sein zu müssen.

Wie hältst du dich fit? Betreibst du außer Skifahren noch andere Sportarten?

Ich bewege mich am liebsten draußen, deshalb bevorzuge ich Sportarten wie Fahrradfahren, Mountainbiken und Wandern. Ich habe auch mit dem Paragliding angefangen, weil ich das so europäisch fand. Ich hatte es in Kanada noch nie ausprobiert und war auf der Suche nach einer Sportart, die mich den Alpen näher bringt. Im Sommer halte ich mich außerdem mit Klettern fit und nur wenn ich verletzt bin, gehe ich ins Studio – oder wenn ich an einem ganz bestimmten Bereich arbeiten muss, den ich sonst mit Sport schwer abdecken kann.

Wie wichtig ist das Thema Ernährung für dich?

Wenn ich unterwegs bin und reise, ist es schwierig, auf eine gute Ernährung zu achten, weil wir viel in Restaurants essen. Zuhause versuche ich dann, disziplinierter zu sein, und esse wenig Milchprodukte und zuckerhaltige Lebensmittel. Ich achte auch auf eine abwechslungsreiche Ernährung und plane bestimmte Kombinationen ein, wie zum Beispiel Mahlzeiten aus Proteinen und Gemüse. Generell ernähre ich mich eher vegetarisch und esse nur ein paar Mal pro Woche Fleisch. Deshalb bin ich am besten in Form, wenn der Winter anfängt.

Wie prägt dich dein Lebensumfeld?

Ich lebe in Quebec und seit zwei Jahren auch in Zürich. Das hat sich so ergeben und ich wollte sowieso mehr über die Skikultur in Europa und den Alpinismus lernen. In Quebec sind die Berge nicht so hoch, daher kommt auch meine Begeisterung für Freestyle – du musst dir deine eigenen Herausforderungen suchen und kreativ werden, um dich technisch zu verbessern. Später bin ich dann viel im Westen Kanadas gefahren. Dort fordern dich die Berge mehr, aber auch hier ist der Freeride Stil mit Powder oder Tree Skiing vorherrschend. Deshalb hat mich der Alpinismus in Europa interessiert. Das gibt es zwar auch in Nordamerika, aber hier hat diese Kultur viel mehr Tradition und wird mehr gelebt. In Chamonix fühlst du das richtig, die Menschen dort sind so verbunden mit den Alpen und verbringen viel Zeit in den Bergen, in Quebec ist das nicht so stark Teil des Lebens.

Welche Rolle spielt das Thema Ausrüstung für dich?

Die richtige Ausrüstung ist wichtig und heutzutage ist ja auch alles spezialisiert. Ich verwende unterschiedliche Skier, je nachdem, was ich mache. Ich arbeite auch mit Unternehmen zusammen und unterstütze sie bei Produktentwicklung und Design, denn als Sportler kann man da sehr gutes Feedback geben. Besonders mit Armada arbeite ich sehr eng zusammen und habe auch den Armada JJ mitentwickelt. Und natürlich geht es auch um die Sicherheit, denn wenn du auf Skitouren gehst und frierst oder nass wirst, kann es gefährlich werden.

Du hast schon viele Filme gedreht und auch selbst Regie geführt. Ist Skifahren für die Kamera anders?

Das ist je nach Film ganz unterschiedlich. Wir haben zum Beispiel eine Dokumentation über die Haute Route in der Schweiz gemacht, bei der uns die Kamera einfach gefolgt ist. Große Projekte, zum Beispiel wenn wir in Alaska im Hochgebirge skifahren, geben uns einen Grund, an unsere Grenzen zu gehen. Das würden wir sonst nicht einfach so zum Spaß machen, aber durch das Ziel, einen Film zu drehen, haben wir die nötige Motivation. Außerdem sind wir dann mit einem sehr guten Team unterwegs, denn das braucht man, um so ein Projekt zu realisieren. Für Into The Mind bestand die Arbeit zu 95 Prozent aus Vorbereitung und nur zu 5 Prozent aus Skifahren. Normalerweise sind wir bei Filmen relativ flexibel und nehmen es, wie es kommt. Bei diesem Film ging es noch mehr darum, einen Geschichte zu erzählen, deshalb haben wir uns sehr stark an das Drehbuch gehalten. Das ist natürlich viel schwieriger, weil du die Bedingungen nicht kontrollieren kannst. Es ist also ein etwas anderer Film, nicht das typische ski porn Format.

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Wie schätzt du Situationen ein, damit es nicht zu gefährlich wird?

Ich verlasse mich auf mein Wissen über Bedingungen und Risiken und ich kenne mich selbst und weiß, was ich schaffen kann – das ist mehr so ein Bauchgefühl. Zudem habe ich immer Freunde dabei, die mich kennen und sich auch sehr gut auskennen. Wir besprechen zusammen, was wir vorhaben, und das ist sehr hilfreich, wenn du manchmal nicht das nötige Selbstbewusstsein für ein Projekt hast. Andererseits können dich die anderen auch auf den Boden der Tatsachen zurückbringen, wenn du etwas nicht bedacht hast und ein Vorhaben vielleicht doch keine so gute Idee ist.

Fährst du eigentlich auch Snowboard?

Ja, aber nicht ganz so schnell. Meine Freundin fährt Snowboard und manchmal tauschen wir. Sie sagt dann immer: „Jetzt bin ich endlich auch mal so schnell wie du!“ Aber hauptsächlich geht es doch darum, in den Bergen zu sein. Die Sportart ist nicht so wichtig – Skifahren, Snowboarden oder Paragliding, wenn du die Berge liebst, ist es egal, was du machst. Eine meiner Lieblingsszenen im Film ist eine Snowboard Szene – mit den Effekten hat es eineinhalb Jahre gedauert, sie fertig zu stellen.

Wie hat das Skifahren dich als Person verändert?

Durch das Skifahren habe ich tatsächlich das Wichtigste gelernt – meine persönlichen Werte im Leben: Teamwork, Freundschaft, Kommunikation und Respekt für die Berge und dich selbst. Ich habe gelernt, hart zu arbeiten, achtsam zu sein und meine Umwelt wahrzunehmen, Geduld zu haben, mich auf mich selbst zu verlassen und auf andere Menschen zu vertrauen.