LEGALES DOPING: PUSH THE LIMITS

Wir haben uns die bahnbrechendsten wissenschaftlichen Erkennntisse zur Leistungssteigerung angesehen – und verraten dir, wie du schon heute von ihnen profitieren kannst

1. DOPING FÜRS GEHIRN

Es fällt dir schwer, deine Zeit über 5.000 Meter zu verbessern? Vielleicht findest du die elektrische Gehirnstimulation ja verlockender als eine Runde mit knallharten Hügelsprints. Zeit für die tDCS, die transkranielle Gleichstrom-Stimulation. Sie basiert auf einer gar nicht mal so revolutionären Technologie: einer Elektrode an den Schläfen.

„Wir wollten herausfinden ob eher das Gehirn oder der Körper die Leistungsfähigkeit limitieren, oder ob eine Kombination aus beiden Faktoren vorliegt“, so Dr. Holden McRae, Sportmediziner an der kalifornischen Pepperdine University. McRae hat vor Kurzem beim Project Endurance ein Team aus Wissenschaftlern für eine Red-Bull-Studie angeleitet. „Unser Ergebnis: Das Gehirn ist der begrenzende Faktor.“

Für McRae ist das wenig überraschend: „Der Körper ist auf die Homöostase ausgerichtet. Das bedeutet: Der Organismus versucht ständig, ein inneres Gleichgewicht herzustellen, eine gewisse innere Ruhe. Das Gehirn erlaubt es uns nicht, so weit zu gehen, dass wir dem Organismus durch zu viel Sport schaden.“ Die Frage eines Athleten mag nun lauten: Wie kann ich diesen Mechanismus überbrücken? Hier kommt die tDCS ins Spiel. „Der nächste Schritt war für uns die Erhöhung der Aktivitäten in den Gehirnregionen, die für die Bewegung der Beinmuskulatur beim Radfahren verantwortlich sind“, so McRae. „Wir aktualisieren sozusagen die Software des Gehirns, um für eine bessere Systemleistung zu sorgen. Das ist so, als würde man von 5 MB/s Downloadgeschwindigkeit auf 15 MB/s umsteigen.“

Die Wirkung ist nicht bei jedem gleich. „Manche Leute sprechen gut darauf an, andere überhaupt nicht“, so McRae. Wenn, dann hält der Effekt nur ungefähr 90 Minuten lang an. Zudem gibt es bislang keine Studien zur möglichen Langzeitwirkung dieser Art der elektrischen Stimulation. Summa summarum also eine riskante Praxis.

IST DAS ERLAUBT?

Wer den Mumm hat, sich für einige km/h mehr auf dem Tacho Strom durchs Hirn jagen zu lassen, bekommt keine Probleme mit der World Anti-Doping Agency (Wada). Zumindest bis jetzt noch nicht. „Bisher hat es noch keinen Fall gegeben, in dem ein Urteil nötig gewesen wäre“ sagt Nick Wojek vom UK-Ableger der WAda.

DO IT YOURSELF

Schneller laufen – dank Langeweile Mentale Erschöpfung wirkt sich negativ auf die körperliche Leistungsfähigkeit aus. Zu diesem Schluss gelangte eine Studie aus dem Jahr 2009 von Samuele Marcora, Spezialist für Trainingsphysiologie. Den Effekt kannst du natürlich dazu nutzen, um im Wettkampf mehr herauszuholen. Hier ist McRaes 3-Stufen-Plan:

1 GELANGWEILT

Zunächst einmal solltest du vor dem Training eine langweilige mentale Arbeit ausführen. „In deiner Wahrnehmung ist das Training dann eine echte Abwechslung“, so McRae.

2 MENTAL ERHOLT

„Vor einem großen Wettkampf oder einem Angriff auf die persönliche Bestleistung solltest du immer mental ausgeruht sein“, rät McRae.

3 TOP VORBEREITET

Bei geringerer mentaler Erschöpfung solltest du deutlich schneller werden. „Das ist für den Sportler natürlich eine praktikablere Methode als die Strombehandlung“, sagt McRae.

HIRNDOPING IN ZAHLEN

15% der Triathleten haben laut einer deutschen Studie zugegeben, über zwölf Monate hinweg Medikamente zur Stimulierung des Gehirns zu sich zu nehmen – darunter Modafinil, Amphetamine oder Methylphenidat.

25 Das Alter, in dem das Gehirn in etwa aufhört, sich weiterzuentwickeln. Das Potenzial des Hirndopings ist damit für jüngere Sportler größer.

1000 Die traditionelle Elektroschocktherapie im Stile der 1950er schickt 1.000-mal mehr Strom durchs Gehirn als die tDCS – genug, um epileptische Anfälle auszulösen.

2. KETONE

Hast du 2.500 Euro für einen Energydrink übrig? Für Profi-Radsportler ist diese Summe kein Hindernis. Der Forscher David Holdsworth gehört zum Team der Oxford University, das an einem Ketondrink namens Delta-G arbeitet. Manche Radfahrer nutzen das Getränk schon und räumen damit auf bedeutenden internationalen Events ab. Der Drink wurde von ein Team unter Leitung von Kieran Clarke entwickelt, der in Oxford als Professor für Biochemie arbeitet. Es enthält die gleichen Ketone, die der Körper auch auf natürliche Art selbst herstellt und als Treibstoffquelle verwendet. „Die Wirkung ist genauso wie bei Glukose oder Fett. Zusätzlich haben die Ketone Kalorien“, so Clarke. „Der Organismus produziert die Substanz, wenn du dich fettreich und kohlenhydratarm ernährst oder eine Zeitlang nichts mehr isst.“

Delta-G ist aber nicht mit den Erdbeer-Keton-Drinks zu vergleichen, die so mancher Onlinehandel anbietet. „Diese Produkte bestehen aus Ketonen, die normalerweise nicht im Körper produziert und verarbeitet werden“, sagt Clarke. „Das geht einfach so durch, ganz ohne zusätzlichen Effekt.“

Clarkes Drink ist noch nicht im Handel erhältlich. Er wurde bisher nur im Labor hergestellt und kostet in der Herstellung gut 2.500 Euro pro Liter. Der Preis wird aber drastisch sinken, sobald einmal die richtige Produktion von Delta-G angelaufen ist. Clarke schätzt, dass es innerhalb eines Jahres so weit sein wird. Selbst mit dem günstigeren Preis ist das Getränk für Clarke aber immer noch eher für Elitesportler gedacht. Ein Hobbysportler wird wahrscheinlich keine gro- ßen Leistungsunterschiede bemerken. Wenn es im Körper ohnehin Ketone gibt, wozu braucht es dann aber ein solches Getränk? Die Antwort: Der Körper stellt Ketone zwar auch selbst her, das aber nur relativ langsam. „Mit der körpereigenen Produktion allein dauert es mehrere Tage lang, um die Konzentration entsprechend hochzufahren“, wie Clarke erklärt. „Es kommt auch immer darauf an, was man isst. Delta-G liefert den direkten Keton-Kick als alternative Treibstoffquelle beim Training.

Das Getränk wurde schon bei Ausdauerathleten getestet. Die Ergebnisse wurden zwar noch nicht veröffentlicht, sind laut Clarke aber vielversprechend. Der Drink verbessere eindeutig die Ausdauerleistung. „Es wirkt auch tatsächlich nur bei Ausdauerathleten. Ein Sprinter würde gar keinen Unterschied bemerken“, erklärt Clarke.

IST DAS ERLAUBT?

Zwar ist Delta-G noch nicht im Handel erhältlich, die Wada hat das Getränk aber schon auf der Rechnung. „Wir zählen es nicht zu den verbotenen Präparaten. Uns ist der Nutzen der Substanz als Treibstoffquelle bekannt – als andere Art der Energieversorgung anstelle von Glukose und Fettsäuren“, meint Wojek. „Im Moment ist das Ganze unproblematisch. Ketone führen wir als Zutat in Diätlebensmitteln. Ich würde sagen, dass der Sportler mit derselben Vorsicht vorgehen sollte wie bei jedem anderen Ergänzungsmittel.“ Da die Substanz auch von Natur aus vorkommt, würden sich auch entsprechende Tests als schwierig gestalten.

DO IT YOURSELF

Durch ketogene Ernährung füllst du deine Treibstoffreserven auf

Du willst nicht warten, bis es Delta-G auch im Supermarkt nebenan gibt? Dann kannst du mit einer ketogenen Ernährung einen ähnlichen Effekt erzielen. Du nimmst dabei viel Fett und entsprechend wenig Kohlenhydrate zu dir (nur etwa 20–50 g pro Tag). Auf die Art versetzt du den Stoffwechsel in einen Zustand namens Ketose. Dabei bezieht der Körper einen Großteil seiner Energie aus Ketonen im Blut statt aus Blutzucker (wie bei der Glykolyse der Fall). Hier ist ein Speiseplan für einen Tag zum Einstieg:

MORGENS
Pochierte Eier mit Spinat

Pochiere ein Ei in leicht köchelndem Wasser. Gib einen Spritzer Essig mit in den Topf, damit das Ei intakt bleibt. Derweil in einer Pfanne den Spinat zwei Minuten lang kochen. Das Ei auf einem Bett aus Spinat servieren. Darüber den geschmolzenen Käse geben.

MITTAGS
Würzige Chicken Wings

Gemahlenen Ingwer, gemahlenen Koriander, schwarzen Pfeffer, Nelkenpfeffer, Knoblauchpulver und Cayennepfeffer (oder beliebige andere Lieblingsgewürze) miteinander mischen. Mit der Mischung die Hühnerflügel einreiben und das Ganze 30 Minuten lang einziehen lassen. Das Fleisch dann grillen, bis es durch ist und mit dem Salat servieren.

ABENDS
Thunfisch mitgedünstetem Gemüse

Ein Thunfischsteak braten (in der heißen Pfanne reichen auf jeder Seite zwei Minuten). Einen Topf voll Wasser zum Kochen bringen und darin etwas Gemüse als Beilage zum Thunfisch dünsten (gut geeignet sind Brokkoli, Spargel und Zuckererbsen).

KETONE IN ZAHLEN

7 Tage braucht der Körper, um bei niedriger Kohlenhydratzufuhr Ketone zu produzieren.

11.164€ der Preis eines Winston. Der teuerste Cocktail der Welt braucht 48 Stunden zur Herstellung und verwendet einen 1858er Cognac als Zutat. Der so genannte Delta-G-Drink liegt deultich dahinter.

2% so hoch ist der tatsächliche Anteil der potenziellen Leistungssteigerung durch Ketone – bei Wettkämpfen wie dem Zeitfahren ein entscheidender Vorsprung.

3. GENDOPING

Beim Thema Gentechnologie denken viele Leute an verrückte Wissenschaftler, die in geheimen unterirdischen Labors Monster erschaffen. Von den drei vorgestellten Methoden ist das Gendoping sicherlich die experimentierfreudigste und umstrittenste Option. Die Fachleute sind sich genau genommen nicht mal einig, ob es überhaupt machbar ist.

Das Gendoping hat seine Wurzeln in der allgemein anerkannten Gentherapie. Dabei versuchen die Wissenschaftler, defekte Gene durch korrekte Versionen zu ersetzen. Damit lassen sich potenziell Leiden wie die Bluterkrankheit behandeln. Der Ansatz lässt sich auch zur Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit nutzen (oder missbrauchen, je nachdem). Wird damit beispielsweise der insulinähnliche Wachstumsfaktor IGF-1 verändert, dann ist das Doping.

Einer Studie in der Fachpublikation „Clinical Biochemistry“ zufolge sind die Versuche in der Gentherapie bislang insgesamt eher enttäuschend ausgefallen, wohingegen Sportler aus der Methode einen großen Nutzen ziehen könnten. Die Verfasser der Studie haben auch auf die positiven Ergebnisse einer Reihe an Gendoping-Studien an Tieren hingewiesen. Das deutet darauf hin, dass es vielleicht nicht mehr lange dauert, bis das Gendoping tatsächlich Verbreitung findet. Bis es tatsächlich soweit ist, sind natürlich noch große Hürden zu überwinden. Von den bislang ausbleibenden Testerfolgen einmal abgesehen besteht auch das ernstzunehmende Risiko, dass der Körper auf die Gentherapie mit Abwehr reagiert. Unter Umständen identifiziert der Organismus modifizierte Gene als gefährliche fremde Substanzen, die es zu zerstören gilt. Bei der Gentherapie geht es darum, das neue Erbmaterial in den Körper einzubringen. Das kann eine fatale Autoimmunreaktion auslösen. Das passierte etwa 1999 dem 19-jährigen Jesse Gilsinger, bei dem mithilfe der Gentherapie eine seltene Lebererkrankung behandelt werden sollte.

Trotz aller Gefahren übt das Gendoping eine gewisse Anziehungskraft aus. Der größte Reiz daran ist, dass es aktuell keine spezifischen Test gibt, um seinen Einsatz nachzuweisen. Bislang mussten die Athleten beim EPO-Blutdoping das Risiko eingehen, dass ihnen eine erhöhte Konzentration der Substanz nachgewiesen wird. Mit der Gentherapie hingegen lässt sich der Körper so umprogrammieren, dass er das Produkt auf natürlichem Wege herstellt.

IST DAS ERLAUBT?

Auch, wenn das alles bislang noch nach Zukunftsmusik klingt: Die Wada stuft das Gendoping eindeutig als illegal ein. „Wir zählen das Verfahren ohne Einschränkung zu den verbotenen Methoden“, meint dazu Wojek. Es mag zwar keinen direkten Test fürs Gendoping geben. Allerdings ist es möglich, die Auswirkungen indirekt nachzuweisen. „Wir können verschiedene Blutparameter überwachen. Die Entwicklung einer direkten Testmethode ist eine der großen Herausforderungen für die Wissenschaft“, erklärt Wojek. „Uns ist noch kein Fall des Gendopings bekannt. Es würde mich aber nicht überraschen, wenn es da draußen schon jemanden gäbe, der die Technik einsetzt – vor allem, wenn man bedenkt, wie weit die Medizin in diesem Gebiet heutzutage schon ist.“

DO IT YOURSELF

Vom Gendoping ist natürlich abzuraten. Du kannst aber deine körperliche Leistungsfähigkeit durch andere legale Maßnahmen steigern.

EPO stimuliert die Produktion der roten Blutkörperchen und erhöht die Kapazität des Blutes zum Sauerstofftransport, was sich positiv auf die Ausdauer auswirkt. An diesen Effekt kommst du auch auf legalem Wege heran.

ECHINACEA 

Dass Echinacea gegen Erkältungen hilft, ist noch nicht vollends bewiesen. Im Jahr 2012 erschien allerdings im „Journal Of Strength And Conditioning Research“ eine Studie, derzufolge die Aufnahme von Echinacea die EPOKonzentration und damit die Ausdauer steigert.

FISCH 

Fischöl enthält viele Omega-3- Fettsäuren. Es soll die unterschiedlichsten positiven Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Unter anderem heißt es, dass Fischöl die Nierenfunktion unterstützt – eine unverzichtbare Voraussetzung für die EPOProduktion. Achte auf eine Tagesdosis von 1.200 mg.

HOHE SCHULE

Sprinttraining in großer Höhe veranlasst den Körper dazu, das EPO-Niveau durch die Produktion weiterer roter Blutkörperchen noch einmal anzuheben.

GENDOPING IN ZAHLEN

40% der Zuwachs an Muskelmasse bei Labormäusen, denen IGF-1 verabreicht wurde

1 der Zuwachs an Muskelmasse bei Labormäusen, denen IGF-1 verabreicht wurde bekannter Todesfall durch Gentherapie (Jesse Gilsinger nahm 1999 an einem klinischen Versuch teil, um seine seltene Lebererkrankung behandeln zu lassen. Das Immunsystem im Körper des jungen Mannes reagierte so heftig, dass er vier Tage später starb.)

2004 Verbotsjahr des Gendopings durch die Wada