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Matthias Mayr – Freeride Profi


ADRENALIN TREIBSTOFF FÜR DEN KICK?

Was denken sich die Jungs dabei? So oder so ähnlich haben bestimmt schon viele von Euch gedacht, als Ihr „Wahnsinnige“ wie Matthias Mayr sich fast senkrecht abfallenden Hänge in unberührter und wilder Natur herunterstürzen gesehen habt. Kalkuliertes Risiko? Gibt es das überhaupt? Und wenn ja, wie überträgt sich das auf Körper und Geist? Freeski-Profi Matthias Mayr (30) aus Salzburg hat sich damit näher beschäftigt und wissenschaftliche Studien betrieben – welche in seinem Fall nicht nur theoretischer Natur waren…

Alles für den Kick? Wie ist das eigentlich, wenn man „so“ Ski fährt wie ich, wie fühlt sich das an? Neben „Bist du verrückt?“ sind das zwei jener Fragen, die mir am häufigsten gestellt werden.

Freeskiing oder auch Extrem-Skifahren ist seit einigen Jahren mein Beruf. Da ich mir eine ähnliche Frage selbst beantworten wollte, nämlich, was passiert eigentlich mit mir, wenn ich meinen Sport ausübe, versuchte ich es herauszufinden. Im Rahmen einer  wissenschaftlichen Studie habe ich den Adrenalinspiegel im Blut an zahlreichen professionellen Freeskiern, sowie an mir selbst, vor und nach einer extremen Abfahrt im freien Gelände gemessen. Außerdem wurde die Herzfrequenz während der Fahrt aufgezeichnet. Die Ergebnisse waren eindeutig. Adrenalin im Blut stieg im Durchschnitt um mehr als das Zehnfache an, in Einzelfällen sogar um das bis zu reißigfache. Die Herzfrequenzen erreichten Spitzenwerte von kurzzeitig mehr als 220 Schlägen pro Minute. Damit war also bewiesen, Freeskiing verursacht einen gewaltigen Adrenalinkick, höher als beispielsweise Fallschirm- oder Bungee- Springen.

Wissenschaft schön und gut, aber ist es wirklich dieser Adrenalinrausch, der mich und andere Risikosportarten wie diese ausüben lässt?  Persönlich glaube ich, dass es eine Kombination aus vielen Faktoren ist, die solche Sportarten so anziehend macht. Für mich ist es vor allem die Möglichkeit, immer wieder an meine eigenen Grenzen zu gehen und Limits stets weiter nach oben zu verschieben. Die Suche nach dem Kick WINTER SPEZIAL mensfitness.de /DEZEMBER 2011/ 45 ist es meiner Meinung nach nicht. Eher die Suche nach dem berühmten Flow-Gefühl. Wenn Zeit nicht mehr fühlbar ist und man völlig im Tun aufgeht, dann befindet man sich im „Flow“. Bei mir ist  das dann der Fall, wenn ich an meine eigenen Grenzen gehe und dadurch so fokussiert und konzentriert bin, dass eben dieses Gefühl  auftritt.

Wenn man Aufnahmen von mir oder anderen Freeskiern sieht, denken viele, dass wir einfach hirnlos die steilsten Hänge hinunterrasen.Aber genau das Gegenteil ist der Fall, und der Hauptgrund dafür ist die Angst. Sie verhindert nämlich, in diesen Flow-Zustand zu kommen. Deshalb wird jede schwierige Abfahrt so gut wie möglich zuvor geplant und Bildmaterial des zu befahrenden Hanges manchmal schon Wochen vorher am Laptop studiert. Dasselbe gilt bei anderen Gefahren am Berg wie beispielsweise die  Lawinengefahr, die immer aktuell ist. Zahlreiche Freeski-Profis sind Ende 20 bis Ende 30. Hauptgrund dafür ist die Erfahrung, die am Berg notwendig ist, um ein derart hohes Level im Big Mountain Freeriding zu erreichen. Und wenn dann doch etwas schief geht, eine Line falsch eingeschätzt wurde, eine Lawine ausgelöst wird, dann tritt die sekundäre Prävention in Kraft: Intensives körperliches Trainingin der Off Season. Krafttraining hauptsächlich im koordinativen Bereich und Ausdauertraining in Kombination mit Helm und Protektoren sollten dafür sorgen, dass auch bei Stürzen alles heil bleibt. Und im Falle eines Lawinenabganges sind wir immer mit Schaufel, Sonde, PIEPS und ABS-Rucksack ausgerüstet. Und natürlich sind wir nie alleine sondern immer mit Partnern unterwegs, die uns im Ernstfall retten können.

Um das Ganze abschließend noch einmal mit Fakten zu untermauern: In den letzten drei Jahren meines Lebens als Freeski-Profi, habe ich mir genau einen einzigen Knochen gebrochen: das Nasenbein. Und dafür nahm ich nicht einmal unser Gesundheitssystem in Anspruch, weil irgendwo in der Wildnis Kanadas, eine gebrochene Nase am besten in der „Do It Yourself-Methode“ wieder eingerichtet wird…
Weitere Infos unter
www.matthiasmayr.com und
www.ahistoryofsnow.com