Muckis-mit-Köpfchen

Posted On 01/04/2012 By In Trainingstipps With 789 Views

Mentales Training

Wenn Sie der Meinung sind, dass Sie keine Muskeln aufbauen können, jammern Sie mir nichts vor. Ich werde Ihnen ganz bestimmt nicht helfen. Regelmäßige Leser meiner Men’s Fitness-Kolumnen wird das wenig überraschen. Wenn Sie mich oder das Magazin aber noch nicht kennen: Guten Tag, ich bin Charles Poliquin, ein sehr erfolgreicher Betreuer fürs Krafttraining. Ich bin kein Schönredner, der die Leute mit Samthandschuhen anfasst. Ein wichtiger Grund dafür, warum ich in meinem Bereich so erfolgreich bin und nicht in der kanadischen Botschaft arbeite, ist mein äußerst feines Gespür für faule Ausreden. Ich verschwende keine Sekunde meiner wertvollen Zeit für Leute, die darüber jammern, dass sie keine Zeit haben oder alles richtig machen und trotzdem nicht die gewünschten Erfolge erreichen, oder die denken, dass sie „es schwer haben“. Wenn Sie wie eine Mischung aus Woody Allen und einem magersüchtigen Model aussehen, ist es leicht, die genetische Ausstattung verantwortlich zu machen. Mein Tipp: Versuchen Sie, nicht rot zu werden. Sonst verwechselt man Sie noch mit einem Thermometer.

> Muckis mit Köpfchen
Aber Scherz beiseite. Das Problem mit Leuten, die glauben „es schwer zu haben“ ist folgendes: Oft erfüllt sich die Erwartung von selbst. Der Hauptgrund, warum es diese Leuten so schwer haben, fit zu werden: Sie denken, sie haben es schwer. Also gehen sie nie mit einer positiven Einstellung an die Sache heran. Wer denkt, dass er einfach keine Muskeln bekommt, frustriert ist und ständig sein Workout ändert, wird sich nicht verbessern. Die beeindruckendsten Ergebnisse erzielen Menschen, die durchweg hart trainieren und dann an Stellschrauben wie Übungsauswahl, Übungsdauer, Körperposition und so weiter drehen, um weiterzukommen. Was aber noch wichtiger ist: Diese Leute haben eine selbstbewusste und positive Einstellung zu ihren Zielen. Dies gibt ihnen die notwendige Klarheit, um in jeder Einheit so effektiv zu trainieren wie es geht. Es gibt keine Ausreden. Nur hartes Workout und beeindruckende Ergebnisse.

> Gewichtsprobleme
Eine andere Art der falschen Einstellung, mit der man auf Dauer nicht weiterkommt, ist die Selbsttäuschung. Die betroffene Personengruppe denkt, dass sie vom Training bis zur Regeneration alles richtig macht und bemerkt gar nicht, dass das mitnichten so ist. Genau aus diesem Grund hängt ihnen an den dürren Ärmchen auch die Haut wie nasse Säcke an der Leine herunter. Trotzdem wird natürlich das hautenge T-Shirt übergezogen, in dem der randvolle Ranzen vakuumverpackt zur Schau gestellt wird. Die Angehörigen dieses Personenkreises denken, dass sie sich wirklich gut ernähren, ohne sich darüber zu wundern, dass sie einen Waschbär- statt einen Waschbrettbauch haben und ihnen das Doppelkinn auf halb acht hängt. Wenn ein Kunde dieser Kategorie aufgeregt zu mir herüber hüpft, um mir freudestrahlend mitzuteilen, dass er gerade erst „zehn Kilo runtergebracht“ hat, gebe ich immer die gleiche Antwort. Ich sehe mir den Kerl von oben bis unten an, kratze mich am Kinn und frage: „Aber warum haben Sie das Gewicht nur bis zum Bauch runtergebracht?“ Ich mache jetzt Witze. Aber eigentlich ist das ein ernsthaftes Problem. Diese Leute sind dürr und trotzdem fett. Das heißt, sie haben sehr schlecht entwickelte Muskeln und gleichzeitig große Fettreserven. Sie werden also nicht nur mit einem gestrandeten Wal verwechselt, wenn sie sich im Urlaub in der Sonne aalen. Ihr äußereres Erscheinungsbild ist ganz nebenbei auch noch einer der größten Indikatoren für eine große Anzahl ernsthafter Erkrankungen einschließlich Diabetes und Herzkrankheiten. Hier heißt es handeln und das Muskel-Fett-Gleichgewicht wiederherstellen. Sonst wartet im Alter eine ganze Serie körperlicher Gebrechen.

> IBR-Syndrom
Die schlimmste Art der Selbsttäuschung ist gleichzeitig leider auch die am weitesten verbreitete. Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie an diesem hinterhältigen Virus leiden. Es handelt sich dabei um ein unerfreuliches und peinliches Leiden, das die normalen Gäste im Fitnesscenter miterleben müssen. Ich spreche vom imaginären breiten Rückenmuskel (IBR). Jeder von uns ist im Fitnesscenter schon einmal Zeuge dieses Syndroms geworden. Die betroffenen Patienten stolzieren mit einem Buckel wie der Glöckner von Notre Dame im  Hantelraum herum, weil sie die Brustmuskulatur im Vergleich zum Rücken viel zu stark trainieren und aufgrund dessen die Schultern nach vorne ziehen. Die Arme treibt es außerdem so weit zur Seite heraus, als hätte der Betroffene zwei riesige unsichtbare Wassermelonen unterm Arm. Er hofft, dadurch den Eindruck zu vermitteln, dass seine Rückenmuskulatur so stark und gut entwickelt ist, dass er die Arme einfach nicht näher an den Körper heranführen kann.

> Kraft der Gedanken
Was ich mit all diesen Beobachtungen sagen möchte: Das Fitnesstraining fängt im Kopf an. Wenn man glaubt, man können keine Muskeln aufbauen, dann wird man das auch nicht. Ganz gleich, wie hart man trainiert. Ebenso wenig hilft es, sich einzureden, man sei Schwarzeneggers Erbe, indem man ein hautenges T-Shirt über den Schwimmreifen spannt oder wie ein Gorilla herumspaziert. Auf die Art erreicht man seine Ziele nie. Warum? Weil man zu viel Zeit damit verbringt, sich darüber Gedanken zu machen, wie man im Moment aussieht, anstatt sich zu überlegen, was man ändern müsste, um anders auszusehen. Erst muss die Einstellung stimmen. Die Muskeln folgen dann schnell von selbst.

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