MotoGP FASZINATION & WAHNSINN AUF ZWEI RÄDERN

Männer auf fliegenden Kisten“ ist wohl nicht die grazilste Beschreibung der Piloten der MotoGP, kommt der Wirklichkeit jedoch relativ nahe. Nur dass es sich bei den „Kisten“ um hochgetunte „Hightech-Maschinen“ handelt. Diese zu beherrschen, erfordert neben technischen und fahrerischen Können sicherlich auch eine gehörige Portion Mut und etwas Wahnsinn. Wer mit über dreihundert Sachen auf eine Kurve zurast und dafür einen Bremsweg von gerade mal einhundert Metern zur Verfügung stehen hat, muss definitiv wissen, was er tut. Um solch eine Maschine zu beherrschen und bis an die
Grenzen des physikalisch Machbaren zu bringen, sind optimale Fitness und körperliche Bestform Voraussetzung. MF besuchte das Rennen in Misano, schaute hinter die Kulissen des Spektakels und sprach mit denjenigen, die es wissen müssen.

Misano World
Circuit, Italien
• Anfang September 2011
• 32 Grad
• 80.000 Zuschauer
• Heimat-Grand Prix von Valentino Rossi, dem erfolgreichsten italienischen Motorrad-Rennfahrer aller Zeiten, versehen mit gottgleichem Status im eigenen Land
• Schauplatz und zwölfter Austragungsort des Rennkalenders der wohl anspruchsvollsten Rennserie auf zwei Rädern:

MotoGP!

Wer zum ersten Mal einen Lauf dieser Serie live erleben möchte, muss und darf sich auf etwas gefasst machen. Hört man das tiefe Brüllen und Röcheln der MotoGPAggregate schon von weitem, spürt man unwillkürlich das Adrenalin in sich aufsteigen, welches sich komplett entlädt, wenn die Maschinen bei ohrenbetäubendem Sound mit über 300 km/h an einem vorbeirauschen und mit unglaublicher Bremsverzögerung in die nächste Kurve eintauchen. Das dabei des Öfteren nur noch das Vorderrad den Asphalt berührt, ist für die Piloten nichts Außergewöhnliches. Physik? Zählt  hier scheinbar nicht. Speziell in der höchsten Klasse, der MotoGP, sind die Ansprüche an Fahrer und Material extrem hoch und verlangen von beiden alles ab. Nicht minder spektakulär verhält es sich in der Moto2, in der Stefan Bradl vom Viessman Kiefer Racingteam auf seiner Kalex eine sensationelle Saison fährt und gute Chancen hat, den Weltmeister-Titel nach Deutschland zu holen. Betrachtet man sich explizit dieses Rennen
hier in Misano (Bradl erkämpfte sich nach einem atemberaubenden Rennen einen hervorragenden 2. Platz), kann man verstehen, warum es einige Motorsportfans gibt, die dem teilweise etwas behäbigen Rennverlauf der Formel-1 abgeschworen haben und mittlerweile die Action der MotoGP bevorzugen. Motorsport vom allerfeinsten! Wenn es um „Action“ geht, dann ist man bei den „125ern“ auf der sicheren Seite. In der leichtesten Klasse wird um jeden Zentimeter hart gekämpft und das Starterfeld mit über 30 Fahrern bietet Raum für alle möglichen (und unmöglichen) Rennmanöver.

Deutsche Hoffnung und erfolgreichster Fahrer in dieser Klasse ist der 21-jährige Sandro Cortese vom Intact-Racing Team Germany. Derzeit auf Platz 4 liegend, hat der sympathische Berkheimer gute Chancen, am Ende der Saison unter die Top 3 zu kommen. Auf seiner Aprilia RSA (70 kg, 50 PS, 220 km/h) gelang ihm vor kurzem sein erster Saisonsieg beim GP in Brünn. Zweite Plätze und Pole-Position unterstreichen seine klasse Performance auf dem Bike. „Mit der Saison bin ich bisher absolut zufrieden und ich fühle mich zur Zeit wirklich super“, erzählte Sandro MF nach  dem Qualifying, das er als Vierter (ebenso wie das anschließende Rennen) beendete. Mit seinen 61 Kilogramm bei einer Größe von 1,69 Meter bringt er optimale Voraussetzungen für den Sport mit. „Richtig“, sagt Sandro „jedes Kilo zu viel auf der Maschine kann wertvolle Zeit kosten. Man muss topfit sein, um auf dem Motorrad bestehen zu können, speziell bei so heißen Temperaturen, wie wir sie hier in Misano haben. Zu viele Muskeln können speziell in meiner Klasse von Nachteil sein, da sich das Gewicht bei niedrigeren PS-Zahlen und leichterer Maschine eher bemerkbar macht. Im Grunde zählt das Gesamtpaket, ein Mix aus körperlicher Fitness, Muskulatur, Kondition und mentaler Stärke.“ Betrachtet man die Fahrer während Ihrer Arbeit auf dem Bike, kommt man nicht umhin, sich die Frage zu stellen, wie man über eine komplette Renndistanz mit einer Länge von rund 40 Minuten Laufzeit, unter solch extremen Bedingungen konzentriert bleiben kann. „Gezieltes Ausdauer- und Konzentrationstraining sind unablässig“, meint Sandro „Man darf sich zu keiner Sekunde einen Fehler erlauben und dies über die komplette Renndistanz. Voraussetzung dafür ist eine perfekte Grundausdauer. Diese trainiere ich mir mit Sprints und 400-m-Läufen an“. Sicherlich eine Methode, die den geborenen Motorsportler nicht immer sonderlich begeistert. „Allerdings“, lacht Sandro „man muss seinen inneren Schweinehund schon überwinden, um sich vier Mal hintereinander über eine Distanz von 400 Metern zu quälen. Da gibt es Schöneres!“ Interessante Trainingsmethoden bevorzugt Sandros Trainer, wenn es um mentale Vorbereitung geht. „Man muss auf den Punkt topfit sein und auch in extremen Situationen konzentriert bleiben können. Wir trainieren dies unter anderem in Simulationstrainings. Beispielsweise treibe ich meinen Puls durch mehrere Sprints hintereinander in extreme Höhen, um anschließend mit einem konzentrierten Wurf auf einen Basketballkorb, ein auf den Punkt genaues und positives Ergebnis abzuliefern. Das kann man dann anschließend auch im Rennen umsetzen.“

Bei einem Trainingsaufwand von rund 6 Tagen in der Woche ist der Anteil im Kraftraum mit gerade mal ein 1 bis zwei Tagen relativ kurz gehalten. „Ich trainiere in erster Linie Beine, Nacken und Arme“, erklärt Sandro. „Im Grunde geht es darum, eine strukturierte Muskulatur und grundlegende Kraft aufzubauen, da diese sehr wichtig ist, um das Motorrad in allen Situationen zu beherrschen. Eine gute Muskulatur ist auch bei einem Sturz von Vorteil, der manchmal sehr schmerzvoll sein kann und im Motorradsport keine Seltenheit ist. Zuviel Muskelmasse ist allerdings eher kontraproduktiv, speziell wenn man, wie in meiner Klasse, noch etwas mehr auf das Gewicht achten muss.“ Dass sich dieses immer in optimalen Parametern bewegt, dafür sorgen ein ausgewogener Ernährungsplan und regelmäßige Einheiten it dem Konditions-Trainer. Ebenso ist in den ersten zwei Tagen nach den Rennen Ruhe und Entspannung angesagt. Erholung ist ein wichtiger Teil des Trainings, was von vielen Sportlern immer wieder unterschätzt wird. Auf die Frage nach seinen Zielen, was die laufende und kommende Saison betrifft, gibt sich Sandro berechtigt optimistisch. „ Mein Ziel ist es, dieses Jahr unter die Top 3 zu kommen und in der nächsten Saison in die 250er- Klasse zu wechseln. Ich denke, das sollte kein Problem sein. Und ganz klar, mein großes Ziel ist es, in der Königsklasse, der MotoGP, zu fahren und dort auch Rennen zu gewinnen.“

 

Dieses von Sandro Cortese angesprochene (End-) Ziel hat Yamaha Spitzen-Pilot Ben Spies (27) bereits erreicht. Wie sich ein Sieg in der Königsklasse anfühlt, konnte der aus Memphis, Tennessee stammende Amerikaner bereits beim Grand Prix in Assen am eigenen Körper erleben. Mit seiner Yamaha YZR-M1 (200 PS, über 320 km/h) möchte er Weltmeister und Teamkolleg Jorge Lorenzo den Titel streitig machen. Ausgezeichnet mit dem „Rookie of the Year“-Titel, konnte der dreifache US-Superbike-Champ letztes Jahr bereits einen gelungenen Einstand in der MotoGP-Klasse feiern.   Im Fahrerlager ist der relaxte und tätowierte Racer für sein exzessives Training bekannt und nahm sich für Men’s Fitness die Zeit, über seine Ziele und Trainingsvorlieben zu plaudern.

Ben, bisher hast Du eine sehr abwechslungsreiche Saison hinter Dir?

Allerdings, der Saisonstart verlief alles andere als glücklich. Inzwischen konnten wir gute Ergebnisse abliefern, mehrere Podiumsplätze
einfahren und auch den ersten Sieg (in Assen) feiern. Wir haben eine gute Konstanz erreicht und liegen nun voll im Soll.

Worauf gilt es bei extrem heißen Rennen wie hier in Misano zu achten, um topfit ins Rennen zu gehen?
In erster Linie das Übliche. Viel Trinken, auf die Ern hrung achten und wenn möglich etwas Ausspannen zwischen den Trainings und dem
Rennen. Was allerdings leichter gesagt ist als getan (lacht).

Was nimmst Du während der Renntage zu Dir?
Ehrlich gesagt nichts Ungewöhnliches. Neben den üblichen Aufbauund Magnesium-Drinks esse ich im Grunde, was ich möchte. Nichts Außergewöhnliches. Ich denke, dass da jeder Fahrer etwas verschieden ist und herausgefunden hat, was speziell für seinen Körper das Beste ist.

Du hast den Ruf, einer der körperlich fittesten Piloten im gesamten Fahrerlager zu sein. Speziell auf Deinen Sport bezogen, worauf kommt es beim Training an?
Cardio-Training ist extrem wichtig. Eine gute Ausdauer bedeutet auch eine bessere Konzentrationsspanne. In meinem Sport kann ich es mir nicht erlauben, auch nur eine Sekunde die Konzentration zu verlieren. Es gibt viele Möglichkeiten dies umzusetzen, wie beispielsweise beim Radfahren oder Rudern. Das Radfahren ist auch privat eine große Leidenschaft von Dir. Absolut! Ich liebe es und fahre sicherlich mehr als ich theoretisch müsste. Da können schon mal 800 Kilometer in der Woche zusammen kommen. Allerdings nicht während der Saison, da habe ich leider kaum Zeit.

Bevorzugst Du Mountainbike oder Rennrad?
Eigentlich fahre ich lieber Mountainbike. Bei mir zuhause in Dallas (Texas) gibt es allerdings nicht allzu viele Möglichkeiten, und deswegen verbringe ich die meiste Zeit auf dem Rennrad.

Wie sieht es mit Deinem Gewichts-Training aus?
Da ich relativ groß und schwer bin, hält sich das Kraft-Training aus bekannten Gründen in Grenzen. In erster Linie achte ich darauf, mir eine
solide Kernmuskulatur aufzubauen. Sie hilft mir auch, mich auf dem Bike zu halten und es zu beherrschen. Wenn es darum geht Gewicht zuzulegen, tue ich mich allerdings grundsätzlich relativ schwer.

Du hast vor kurzem beim GP in Indianapolis einen hervorragenden zweiten Platz im Qualifying erreicht, den Start beim Rennen allerdings verpasst, bist auf den neunten Platz zurückgefallen, um dann in einer fantastischen Aufholjagd noch auf das Podest zu fahren.Woher nimmst Du die Motivation in solchen Situationen?
Yeah, das war sicherlich eines meiner besten Rennen die ich je gefahren bin. Es war unglaublich und hat mir sehr viel Spaß gemacht. Da ich auf den Geraden Nachteile in der Geschwindigkeit hatte, musste ich meine Vorteile in den Kurven zum Überholen nutzen. Dazu brauche ich im Grunde keine spezielle Motivation. Der Spaß am Fahren und der Wille zu siegen, treiben mich automatisch an. Das kann aber von Fahrer zu Fahrer verschieden sein. Es gibt sicherlich Piloten, die ein bis zwei Runden brauchen um sich nach einem Negativerlebnis wieder hundertprozentig konzentrieren zu können.

Nächstes Jahr steigt die MotoGP auf die 1000-ccm- Maschinen um. Mehr Hubraum, mehr Power, mehr Belastung für den Körper?
Bei der körperlichen Belastung sollte der Unterschied kaum auffallen. Ich persönlich freue mich darauf. Das Handling der Maschinen kommt dann etwas näher an die Superbikes heran. Das kommt mir natürlich sehr entgegen. Erste Tests haben jedenfalls sehr viel Spaß gemacht.

 

Welche Ziele hast Du Dir für die kommende Saison gesetzt?
Sicherlich sollte das „Bullseye“ des gejagten Fahrer auf meinem Kombi- Rücken zu sehen sein. Heißt, wir möchten regelmäßig aufs Podium,
Rennen gewinnen und um den Titel mitfahren. Wir haben den Anspruch, Titelanwärter zu sein und bevorzugen es, von der Konkurrenz gejagt zu werden statt umgekehrt.