VERSAGEN UNTER DRUCK – Wenn Dein Gehirn Dich Sabotiert

Es gibt wahrscheinlich keinen Athleten, der nicht schon einmal unter Druck versagt hat. Wenn du dich jetzt mit einem unguten Gefühl an einen Wettkampf, ein Meeting oder eine andere Situation erinnerst, entspann dich, du wirst dich gleich besser fühlen. Einerseits, weil – wie erwähnt – jeder schon einmal unter Druck versagt hat und man andererseits schnell lernen kann, es beim nächsten Mal besser zu machen. Oder, wie John Kavanagh, der Coach von UFC-Star Conor McGregor, es formuliert: We win or we learn!

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Erinnerst du dich, wie Dirk Nowitzki, ein sicherer Freiwurfschütze mit einer Quote von 88 Prozent, 2006
gegen Miami den entscheidenden Freiwurf vergab, was Dallas letztlich vielleicht die Meisterschaft gekostet hat? Weißt du noch, als 2012 Arjen Robben vom FC Bayern München den entscheidenden Elfmeter im Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea verschoss?
Das Versagen unter Druck (engl. Choking under pressure; Baumeister & Showers, 1986) ist keine seltene Erscheinung und bedeutet, dass ein Athlet seine Leistung plötzlich nicht mehr abrufen kann, da
sich unter wahrgenommenem Druck die psychischen Leistungsvoraussetzungen ändern, bspw. das Angstniveau steigt.
Insbesondere die subjektiv empfundene Wichtigkeit des Wettbewerbs spielt dabei eine Rolle. Grundsätzlich gibt es zwei Erklärungsmodelle für dieses Phänomen:
Das erste Modell geht von einem Anstieg der Selbstaufmerksamkeit aus. Der empfundene Druck führt zu einer gesteigerten Angst zu Versagen, was wiederum eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit zur Folge
hat. Dies bewirkt, dass automatisierte Bewegungen nicht mehr reibungslos ausgeführt werden, sondern die Sportler plötzlich bewusst darauf achten, wie ihre Bewegungen (eigentlich) ablaufen sollen. Dies kann zu einer „Paralyse durch Analyse“ (Beilock, 2011) führen. Das zweite Modell basiert auf der Ablenkung der Sportler aufgrund des empfundenen Drucks. Die Aufmerksamkeit wird
dabei auf irrelevante Hinweisreize und auf leistungsabträgliche Gedanken, wie bspw. die Angst zu versagen, Gedanken anzurückliegende Misserfolge in vergleichbaren Situationen, Selbstzweifel oder aber auch vorzeitige Sieggedanken und Gedanken an den nachfolgenden Wettkampf gelenkt. Diese Ablenkung führt dazu, dass ein Sportler sich nicht mehr optimal auf die Bewegung konzentrieren kann. Die Auswirkungen sind in Wettkämpfen auf Weltklasse-Niveau, die extreme koordinative und konzentrative Anforderungen mit sich bringen, entsprechend gravierend. 


Was kann man gegen das Versagen unter Druck tun?
Grundsätzlich ist es für den betroffenen Sportler wichtig, zu wissen, dass die auslösenden Gedanken beeinflusst und die Stressreaktion damit abgemildert oder ganz vermieden werden können. Abhängig
davon, welches der beiden Erklärungsmodelle überwiegt, gibt es unterschiedliche Methoden, diesem Erleben zu begegnen.
Ist der Leistungsabfall auf eine erhöhte Selbstaufmerksamkeit zurückzuführen und die normalerweise automatisierten Bewegungen funktionieren plötzlich nicht mehr, weil sich der Athlet zu bewusst auf
ihre Ausführung konzentriert, liegt der Schlüssel in der (Wieder-) Erlangung der kognitiven Kontrolle. Hier ist zum einen das Training von Drucksituationen* wichtig, bspw. durch die Simulation von kritischen Situationen, die Verknüpfung mit Konsequenzen, das Einbinden von stressauslösenden Reizen, etc. Zum anderen sollten die Sportler lernen, eine Kurzentspannung, eine Atementspannung oder eine Entspannungsroutine in kurzen Pausenphasen (Auszeiten, Rundenpausen, Zielunterbrechungen) anwenden zu können. Diese Kurzentspannungen sollten dann auch in
Drucksituationen im Training oder bspw. als Zuschauer (möglichst nah am Wettkampfgeschehen)
geübt werden. Darüber hinaus sind positive und handlungsrelevante Selbstinstruktionen hilfreich. Durch diese Maßnahmen bauen wir uns auf und es bleibt kein Raum mehr für leistungsabträgliche
Gedanken. Die Situation bleibt somit in der Kontrolle des Athleten. 

Wenn du mit dem Auto Hindernisse umfahren musst, schaust du im Optimalfall dorthin, wohin du fahren willst – und nicht auf das Hindernis. Ähnlich ist es im Wettkampf. Deine Aufmerksamkeit sollte
darauf gerichtet sein, die vor dir liegende Aufgabe zu bewältigen und nicht auf das (mentale) Hindernis.
Für den Fall, dass die Aufmerksamkeitsablenkung hauptsächlich für den Leistungsabfall verantwortlich ist, kommt der Anwendung von Routinen eine Schlüsselrolle zu. Sie vermitteln dem Sportler ein
Gefühl von Sicherheit und führen dazu, dass der Druck weniger stark empfunden und die  Aufmerksamkeit (routinemäßig) auf die aufgabenrelevanten Reize gelenkt wird. Diese Routinen können sowohl vor dem Wettkampf als auch in den Pausen durchgeführt und sollten unbedingt mit den Trainern bzw. dem Team erarbeitet werden, das tatsächlich beim Wettkampf dabei sein wird.
Gleichzeitig ist es sinnvoll, sich mit den ablenkenden Gedanken und Reizen zu befassen:

Welche Gedanken haben mich abgelenkt? Gab es vielleicht auch Gedanken, die mir geholfen haben? So lässt sich letztlich das Zulassen von vornehmlich hilfreichen und handlungsleitenden Gedanken trainieren. Der Athlet muss sich bewusst sein, dass er die Möglichkeiten hat, die Situation zu kontrollieren und erfolgreich zu meistern.
Fazit
Ein Leistungsabfall unter Druck kann – in unterschiedlich starker Ausprägung – jedem Sportler widerfahren. Einige Sportler verlieren aufgrund solcher Erfahrungen das Selbstbewusstsein und die
Motivation für den Sport. Andere lernen aus ihren Erfahrungen und kommen stärker zurück. Entscheidend ist, sich darauf vorzubereiten, um die Wahrscheinlichkeit eines Auftretens zu verringern und sich vor allem während der betreffenden Situation wieder zu fangen zu können. Tyron
Woodley hat intensiv an der Thematik gearbeitet, seine Routinen vor dem Kampf verändert, das Trainerteam neu ausgerichtet und eine Kommunikation mit seinem Coach einstudiert, die in den Pausen zwischen den Runden erneut eine Fokussierung auf die kampfrelevanten Gedanken
ermöglichen soll. Inzwischen ist Woodley der Champion im Weltergewicht. Dana White liegt also richtig, wenn er sagt, dass Woodley unter Druck versagt hat. Er liegt allerdings falsch, wenn er daraus ableitet, dass ein Sportler deshalb nicht das Zeug zum Spitzenathleten hat.